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Der leere Koffer

 

 

 

Der Detektiv

 

Kriminalerzählungen

von

Walther Kabel.

 

Band: 44

 

Das Massensterben in Bangalore[1]

 

1. Kapitel.

Während Harald Harst und ich Gäste des Radschas von Praschwar waren, brachten die Zeitungen täglich Berichte über das Weiterumsichgreifen der Pest im Fürstentum Maissur (Mysore) im südwestlichen Teile Vorderindiens. –

Es war jetzt Ende Dezember. In Praschwar hatte es seit vier Tagen bei drückender Hitze fast andauernd geregnet. Wir langweilten uns trotzdem in dem wunderbaren, alten Schlosse des Radschas Ber Kissa nicht. Harald trieb Kunststudien und schrieb an einer Abhandlung über den Einfluß der altgriechischen Architektur auf die altindischen Prachtbauten.

Ich wieder benutzte diese Wochen der Ruhe zur Fortsetzung meiner schriftstellerischen Versuche, zur Ergänzung meiner Notizen und zur Erledigung unserer Korrespondenz. –

Ein sonnenklarer Tag war es heute. Wir hatten soeben das Frühstück hinter uns. Ich stand am offenen Fenster und schaute auf die in weite Felder und grüne Haine eingebettete Residenz Praschwar hinab. Das Schloß und der Park liegen auf einer Hügelkette außerhalb der Stadt.

Die gut gepflegte, breite Straße, die von Praschwar nach dem Schlosse führte, kam jetzt ein langes Rennauto in tollem Tempo dahergerast. Es war ein hellgelb gestrichener Wagen. Außer dem Chauffeur saß nur noch ein Herr in hellem Staubmantel, weißer Mütze und Autobrille darin.

Vier Minuten später trat einer der uns zugeteilten indischen Diener ein und meldete, daß ein Mr. Allan Bangsey uns zu sprechen wünsche.

„Aha – ein Klient,“ meinte Harald. „Die indischen Zeitungen haben ja meiner abermaligen Anwesenheit hier in Indien genügend Beachtung geschenkt, und schon vor fünf Tagen stand in der India-Post, daß wir jetzt Gäste des Radschas von Praschwar seien.“ –

Mr. Allan Bangsey trat ein. Der erste Eindruck war sehr gut. Ein stattlicher, blonder Mann in den besten Jahren. Auch sein Benehmen gefiel mir dann. Er hatte so etwas Zwanglos-Offenes an sich. Nur schien er mit den Nerven nicht ganz in Ordnung zu sein. Er sprach sehr schnell, und die ganze linke Gesichtshälfte, ebenso das linke Augenlid zuckten und flatterten in kurzen Unterbrechungen.

Wir hatten uns gesetzt, und Allan Bangsey begann nun mit seinem Anliegen herauszurücken.

„Ich bin Kaufmann in Bangalore, Mr. Harst, – Großkaufmann, Exporteur. Vor drei Wochen mußte ich eine längere geschäftliche Reise unternehmen. Inzwischen brach in Maissur die Pest aus. Nun, wir Europäer sind dagegen ja so ziemlich gefeit. Ich hegte also meiner Familie wegen auch keinerlei Besorgnisse, selbst dann nicht, als in Bangalore das große Massensterben begann, und das war heute vor 12 Tagen, am 15. Dezember, wie Ihnen aus den Zeitungen bekannt sein dürfte. Als ich nun gestern abend von einem Jagdausfluge mit meinem Freunde Primsby nach Dehli[2] zurückkehrte, fand ich in Primsbys Bungalow für mich eine Depesche meiner Frau vor, die mich veranlaßte, einen Rennwagen in Dehli zu mieten und hier nach Praschwar zu Ihnen zu eilen. Bitte, hier ist das Telegramm.“

Dieses lautete:

„Erfuhr erst heute durch Deinen Brief Deinen jetzigen Aufenthalt. Bin in größter Verzweiflung. Ellinor angeblich am 18. an Pest verstorben und angeblich in Massengrab mitbeerdigt. Habe durchgesetzt, daß Grab geöffnet wurde. Ellinor nicht unter den 42 Leichen. Vermute Verbrechen. Polizei hier ratlos. Deutscher Detektiv Harst in Deiner Nähe in Praschwar. Bitte ihn, herzukommen. Pest hier erloschen. – Innige Grüße Deine unglückliche Molly.“

„Ich verstehe das Telegramm nicht, Mr. Harst,“ erklärte Bangsey, nachdem Harald es halblaut gelesen hatte, damit ich ebenfalls gleich Kenntnis von dem Inhalt erhielte. „Meine Frau depeschiert da: „– angeblich verstorben“ und „angeblich beerdigt –“ – Das klingt gerade so, als ob sie nicht in Bangalore war, als das Unglück geschah.“

„Allerdings, man muß das annehmen,“ meinte Harald. „Haben Sie nur das eine Kind, Mr. Bangsey?“

„Ja. Es ist meine Stieftochter. Ich heiratete meine Frau vor fünf Jahren als Witwe. Ich war Buchhalter in dem Geschäft ihres Mannes. Nach dessen Tode wurde ich der vertraute Ratgeber der Witwe und bald deren Gatte. Meine Frau ist sechs Jahre älter als ich. Ellinor ist siebzehn – oder – war es.“ Er schwieg und starrte zu Boden. „Sie war ein liebreizendes Mädchen, Mr. Harst. Ich war so stolz auf sie. Im Europäerviertel hieß sie nur die „schöne Ellinor“.“ Er seufzte ein wenig. „Ich kann mir denken, wie verzweifelt Molly meine Frau ist, obwohl –“

Er machte eine kurze Handbewegung.

„Bitte, sagen Sie mir alles, wenn ich Ihnen beistehen soll,“ erklärte Harst freundlich.

„Nun ja – obwohl Molly mit Ellinor in letzter Zeit nicht so sehr gut sich vertrug.“ Er lächelte ganz wenig, wurde wieder ernst. „Molly war auf Ellinor etwas eifersüchtig, Mr. Harst. Das ist oft so, wenn Mütter von Töchtern selbst schön sind und merken, daß die Tochter sie so etwas in den Schatten zu stellen beginnt.“

Eine kleine Pause. Dann fuhr Bangsey zögernd fort:

„Mr. Harst, ich gestatte mir, Ihnen 5000 Pfund Sterling zu bieten, wenn Sie sofort mit mir nach Bangalore reisen.“

„Mr. Bangsey, ich bin selbst vielfacher Millionär und nehme nie Honorar für meine Tätigkeit als Detektiv.“

„Verzeihung, – ganz recht, – jetzt fällt mir ein, daß –“

„Oh – ich nehme Ihnen dieses Honorarangebot wahrhaftig nicht übel. – Gut, Mr. Bangsey, wir begleiten Sie. Der Radscha und unser Freund Druyter werden zwar sehr traurig sein, daß wir Praschwar lebewohl sagen. Mittags fahren wir, Mr. Bangsey. Wir können doch gleich Ihr Rennauto bis Dehli benutzen.“

„Gewiß, gewiß –“ Bangsey war aufgesprungen und reichte Harald die Hand. „Ich danke Ihnen, Mr. Harst.“ –

Der Abschied von dem Fürsten, Druyter und den Damen war überaus herzlich. Der Radscha schenkte uns jedem einen altindischen Brillantring.

Um 1 Uhr mittags fuhren wir ab. Der Weg von der Residenz Praschwar bis zur Hauptstraße Meerut-Dehli führt zumeist durch bebaute Felder und einige endlose Dschungelstrecken.

Leider hatten wir schon um 3 Uhr eine Panne. Der eine Motor setzte aus. Es dauerte zwei Stunden, bis wir den Schaden behoben hatten.

Mit voller Geschwindigkeit ging es weiter. Bangsey versprach dem indischen Chauffeur, einem älteren, verständigen Manne, eine Extrabelohnung, wenn wir noch den Nachtzug Dehli-Bombay erreichten, der um ½11 Dehli verließ.

Aber – wir hatten Pech. Kaum eine Viertelstunde später setzte der andere Motor aus. Staubfeiner Flugsand war auch diesmal der Übeltäter. Und wieder verstrichen über zwei Stunden, bevor wir weiterkonnten.

Alles schien nun zu klappen. Wir waren längst auf der Hauptstraße Meerut-Bombay, die eine besondere Autobahn besaß. Da entlud eine schwarze, den ganzen Himmel bedeckende Gewitterwolke gegen 8 Uhr abends außer Bündeln von Blitzen derartige Wassermassen, daß man weder die Hand vor Augen sehen noch auf der in einen Gießbach verwandelten Straße dieses Tempo beibehalten konnte. Das Licht der Scheinwerfer war gegenüber diesen Eimergüssen wirkungslos. Wir selbst saßen in dem offenen Wagen buchstäblich wie in einer Traufe und mit den Füßen in hin- und herschwappendem Wasser.

Der Chauffeur fuhr langsamer – etwas langsamer. Dann ließ der Regen nach. Aber die pechschwarze Finsternis blieb. Es ging jetzt bergab. Die Straße war trocken. Der Chauffeur hockte vorn wie ein Gnom hinter der Glasscheibe. Der lange Wagen schien zu fliegen. Vor uns tauchte ein anderer Kraftwagen auf. Unsere Sirene heulte. Wir glitten vorüber.

Da – nach wenigen Minuten ein Knall.

Der linke Hinterpneumatik war zum Teufel.

Noch nie habe ich miterlebt, daß ein neuer Pneumatik so schnell aufgebracht wurde wie damals fünfzehn Meilen vor Dehli.

Der Chauffeur klappte die Glasscheibe herunter. Sie bot ihm wohl zu viel Luftwiderstand. Der Mann war jetzt vom Schnelligkeitskoller befallen. Auch wir hatten uns ganz tief geduckt.

Das Auto, das vorhin an uns vorübergekommen war, als wir den Reifen wechselten, war schon wieder hinter uns.

Dann – ja, all das ging so blitzartig, daß man’s kaum schildern kann.

Ich saß so, daß ich den Hinterkopf und den krummen Rücken des Chauffeurs gerade vor mir hatte.

Mit einem Male flog mir etwas Feuchtes, Warmes in die Augen. Gleichzeitig wurde mir die Mütze abgerissen; gleichzeitig hatte ich auch den Eindruck, als hätte der Kopf des Chauffeurs sich vom Rumpfe gelöst und wäre verschwunden. Das Feuchte, Warme verklebte mir die Augen, und im selben Moment bäumte das Auto sich hoch auf.

Es gab einen furchtbaren Knall. Ich wurde hinausgeschleudert und landete mit dem Rücken nach unten in einem Dornendickicht.

Hier hing ich in den zähen Zweigen und langen Spitzen eine ganze Weile in halber Bewußtlosigkeit. Es hatte wieder zu regnen begonnen. Als ich völlig bei Sinnen war und mich rühren wollte, fühlte ich die Stacheln überall in der Haut, besonders am Kopfe, und – verhielt mich ruhig.

Zu sehen war nichts. Aber – daß wir durch den Straßengraben gerast waren, daß dieser Unfall den Nachtzug endgültig aus unserer Berechnung strich, war klar.

Ich meldete mich dann, rief recht laut:

„Harald – Harald!“

Keine Antwort. Ich hörte aber das näherkommende Rattern eines Autos, – rief wieder.

„Hallo – hier Unfall, – hallo!“

Die Leute – es war sicherlich das von uns zweimal überholte Auto – würden uns ja fraglos helfen.

Das Rattern verstummte. Dann der Lichtschein von Laternen, der hierhin und dorthin glitt.

Abermals meldete ich mich. Eine helle, scharfe Stimme antwortete.

Bald hob man mich vorsichtig aus dem Dornenbett heraus. Drei englische Offiziere der Kolonialarmee standen vor mir. Der älteste von ihnen war Major Lord Douglas Erverlyn. So lernten wir Erverlyn kennen.

Die Herren gaben mir einen Schluck Kognak. Ich fragte, noch immer etwas benommen:

„Ist Harst etwas zugestoßen?“

Sie horchten auf.

„Harst?“ fragte der Major. „Verzeihung, wie war doch Ihr Name?“

„Schraut – Max Schraut, Privatsekretär Harald Harsts.“

„Ah – welch ein Zufall,“ rief Erverlyn. „Nun, Mr. Harst ist zwar bewußtlos, aber offenbar nicht schwer verletzt.“

Wir gingen zu unserem umgestürzten Rennwagen hin. Ein vierter Offizier und ein indischer Chauffeur knieten neben Harald und rieben ihm die Stirn mit[3] Kognak ein[4]. Er lag etwa sechs Meter von dem Kraftwagen ab zwischen Steingeröll. Er kam denn auch bald zu sich. Allan Bangsey wieder saß an einen Baum gelehnt da. Er war noch so verstört, daß er uns ganz geistesabwesend anstierte. Unser Chauffeur aber war tot. Ihm war der Kopf abgerissen worden.

 

2. Kapitel.

Harald erhob sich mit meiner Hilfe. Die Offiziere zeigten sich von der liebenswürdigsten Seite. Sie wollten uns sofort nach dem nächsten Dorfe schaffen. Harald dankte.

„Es genügt, wenn die Herren uns einen anderen Kraftwagen senden,“ sagte er zu Erverlyn, einem schlanken, vornehmen Manne mit sehr scharf geschnittenem, kühnem Gesicht.

Wir drei standen gerade etwas abseits.

„Mr. Harst, ein merkwürdiger Unfall,“ meinte der Lord leise und hastig.

„Ja. Aber – bitte nicht darüber zu sprechen, Mylord.“

Erverlyn hatte eine der brennenden Autolaternen in der Linken. Das Licht fiel auf Haralds Gesicht.

„Nicht wahr – der abgerissene Kopf?“ fragte der Major.

Harald nickte nur. Da traten auch schon die anderen zu uns. –

Gleich darauf waren wir drei mit der Leiche des Chauffeurs bei dem zertrümmerten Wagen allein. Die Offiziere waren weitergefahren.

Bangsey saß noch immer an dem Baume. Aber in seine Augen war jetzt wieder mehr geistiges Leben gekommen.

Der Regen hatte ganz aufgehört. Einzelne Sterne blinkten über uns.

„Machen wir uns etwas Bewegung,“ meinte Harald. „Mein Kopf brummt noch wie ein Dutzend Bässe, und das linke Knie gehorcht nicht so recht. Trotzdem: wir haben noch Glück gehabt.“

Wir beide gingen auf die Straße. Rechts von der Unfallstelle stand dicht am Straßenrande eine ungeheure Platane.

Harald nahm seine Taschenlampe und leuchtete den Stamm etwa in Brusthöhe ab. Auf der der Straße abgekehrten Seite deutete er auf verschiedene Beschädigungen und Eindrücke in der Rinde, die wie ein wagerechter Bogen in ihrer Gesamtheit aussahen.

„Drahtseil!“ sagte er leise. „Mein Alter – wir sollten Dehli nicht erreichen. Der arme Chauffeur! Nur ihm hat es den Kopf gekostet. Der Kopf konnte nur dann drüben auf der anderen Straßenseite liegen, wenn hier ein Drahtseil über den Weg gespannt worden war. – Suchen wir den anderen Baum auf der anderen Seite.“

Es war eine Palme. Auch hier die Eindrücke, auch hier die Beschädigungen der Rinde.

„Lord Erverlyn hat die Geschichte ebenfalls sofort durchschaut,“ meinte Harald. „Das Seil war übrigens schräg über die Straße gezogen. Wir mußten daher in den linken Straßengraben fliegen. Das Drahttau ist an der Lehne des Vordersitzes entlanggeschrammt – packte diese zuerst rechts. Ja, wir haben Glück gehabt. Wenn die Böschung dort höher oder gar die Straße hier als Damm aufgeschüttet gewesen wäre, dann –“ Und er machte nur eine kennzeichnende Handbewegung.

„Du meinst also, dieses Attentat galt uns?“ fragte ich.

„Ja. Schon die beiden Pannen waren seltsam, ebenso das Platzen des Reifens. Das Auto hat ja stundenlang vor dem Schlosse in Praschwar gestanden. Und es hatte sich eine ganze Menge Neugieriger darum versammelt. Der Chauffeur aber erhielt im Schlosse Speise und Trank. Da kann so allerlei unbemerkt vorbereitet worden sein.“

„Von wem aus?“

„Wollen mal Bangsey fragen, ob –“ Er führte den Satz nicht zu Ende.

Wir ließen uns neben Bangsey nieder. Harald sprach ganz offen mit ihm, als er merkte, daß Bangsey nun wieder „vernehmungsfähig“ war.

Der Kaufmann saß eine Weile regungslos, murmelte nur:

„Drahtseil – Drahtseil?!“

„Sie müssen ehrlich sein, Bangsey,“ mahnte Harst. „Auch der Sand kann nicht von selbst in die Zylinder hineingeraten sein. Ich habe den starken Verdacht, daß man uns noch vor Dehli – erledigen wollte, gerade uns! Die, die das Seil spannten, haben es schnell wieder losgeknüpft und sind verschwunden.“

Allan Bangsey sagte rauhen Tones:

„Geben Sie mir nochmals die Kognakflasche. Ich muß endlich Herr über meine Nerven werden. Wenn hier eine solche Schurkerei wirklich inszeniert wurde, dann –“

Er schwieg, trank und fügte hinzu:

„Beweisen Sie mir, daß gerade wir durch das Drahtseil in den Himmel oder in die Hölle befördert werden sollten –“

„Der Beweis ist unwiderlegbar nicht zu liefern. Aber es spricht eine so große Wahrscheinlichkeit für meine Vermutung, daß ich persönlich keinerlei Zweifel mehr hege. Bedenken Sie, daß die Straße hier so dicht vor Dehli sehr belebt ist. Es sind in der letzten halben Stunde elf Autos und mindestens dreißig Wagen vorübergekommen. Die Leute, die uns auflauerten, können das Seil an dem zweiten Baume erst befestigt haben, als wir in Sicht waren. Sie kannten unser Auto also. Sie erkannten es schon aus der Entfernung trotz der Dunkelheit. Vielleicht an den großen Scheinwerfern, die bei einem Rennwagen dichter beieinander liegen. Bei Tage will ich mir das Auto mal genau ansehen.“

„Hm – das läßt sich hören,“ sagte Bangsey nachdenklich. „Ja, ja, Mr. Harst, – eigentlich müssen Sie recht haben. Das Seil galt uns. Aber –“ Er hüstelte und schwieg.

„Fahren Sie doch fort!“ drängte Harald. „Mr. Bangsey, wenn Sie mir etwas verschweigen würden, wäre das sehr töricht. Es ging hier doch auch um Ihr Leben. Haben Sie Feinde, die Ihnen nachstellen? Und – was sollte auf das „Aber“ folgen?“

„Ich wollte nur sagen: „Aber – wer kann das nur getan haben,“ Mr. Harst. Das ist die Wahrheit. Mir fiel dann in demselben Augenblick etwas ein – etwas so Unsinniges, daß ich vor Schreck über meine eigenen Gedanken nicht weitersprach.“

„Und diese Gedanken waren?“

„Nein, Mr. Harst, – das können Sie wirklich nicht verlangen! Das – das ist eben Wahnwitz, was ich –“ Er faßte nach der Kognakflasche, nahm einen kleinen Schluck und schwieg wieder.

Jetzt meinte Harald:

„Mr. Bangsey, ich werde doch nicht mit nach Bangalore kommen. Ich habe zu wenig Aussicht auf Erfolg, wenn man mir gegenüber etwas verschweigt, – mag es auch noch so „wahnwitzig“ sein –“

Ah – ich merkte: Er wollte Bangsey zum Reden zwingen. Auch dieser fühlte das richtig heraus und entgegnete:

„Mr. Harst, ich wäre ein Schuft, wenn ich das ausspräche, was mir vorhin so durch den Kopf zuckte.“

„Nein – kein Schuft. Bedenken Sie: Sie haben hier nicht zwei gewöhnliche Sterbliche vor sich, sondern Detektive. – Hm – soll ich Ihnen mal so etwas die Sache erleichtern?“

„Nein – nein. Ich –“

„Ja – „ich dachte an Molly“ –“ führte Harst den Satz zu Ende. „Nicht wahr – so ist es doch? Sie dachten einen Moment daran, Mr. Bangsey, daß Ihre Gattin auf ihre Tochter eifersüchtig ist, auf die schöne Ellinor, und daß die Frauenseele oft mehr Abgründe birgt als die von hundert Männern!“

„Was soll das alles, Mr. Harst,“ rief Bangsey leise und in gequältem Tone. „Molly ist wohl eitel und gefallsüchtig, will auch wohl noch immer die schöne Frau spielen, aber – schlecht ist sie nicht. – Nein – reden wir von etwas anderem.“

Gleich darauf traf Lord Erverlyn mit einem Auto ein. Er brachte zwei Polizeibeamte mit, die die Reste unseres Kraftwagens und die Leiche bewachen sollten.

Erst nach Mitternacht waren wir in Dehli. Unsere Koffer, die bei dem Unfall eingedrückt worden waren, hatten wir gleich mitgenommen. Am nächsten Morgen kaufte Harald neue.

Wir beide waren für die Nacht Gäste des Lords, der ganz offenbar eine Vorliebe für Harald gefaßt hatte. Erverlyn bewohnte als Junggeselle einen kleinen, reizenden Bungalow im Norden des Europäerviertels. Bangsey hatten wir bei seinem Freunde Primsby abgesetzt, bevor wir zu Erverlyn weiterfuhren.

Um 9 Uhr vormittags frühstückten wir mit dem Lord auf der Veranda. Ich war etwas später als Harst aufgestanden und fand die beiden schon in eifriger Unterhaltung vor. Auf dem Tische vor Harald lag der altindische Ring, den ihm der Radscha von Praschwar geschenkt hatte.

Das Gespräch drehte sich jetzt um gleichgültige Dinge. Wir hatten mit Bangsey verabredet, daß wir den Mittagszug nach Bombay benutzen würden. Wir wollten uns erst am Bahnhof treffen.

Ich erinnerte Harald daran, daß er den zertrümmerten Kraftwagen sich noch habe ansehen wollen. Wir hätten dies noch ganz gut tun können. Die Zeit hätte ausgereicht.

Harald meinte jedoch, es habe keinen Zweck mehr. – Vor Erverlyn brauchten wir unsere wahren Gedanken nicht zu verhehlen. Er selbst hatte ja gleich Verdacht geschöpft, daß ein Drahtseil-Attentat vorliegen müsse.

Harst schob den Ring in die Tasche und fügte seiner letzten Äußerung hinzu:

„Lord Erverlyn hat mir nämlich soeben verschiedenes über die Familie Bangsey erzählt, was sehr wichtig ist, mein Alter.“ Er dämpfte die Stimme. „Frau Molly Bangsey, verwitwete Orpison, ist enorm reich. Die Firma Orpison, deren Chef Bangsey jetzt ist, beherrscht den ganzen Handel in Maissur. Der Lord lag noch vor vier Jahren in Bangalore in Garnison. Trotzdem kennt er Bangsey von Ansehen. Bangsey und Frau Molly haben sich in der dortigen Gesellschaft unmöglich gemacht. Sie heirateten bereits drei Monate nach dem Tode Jones Orpisons, und diese Rücksichtslosigkeit gegen die allgemeinen Regeln des guten Tones hat man ihnen nicht verziehen. Aber gerade deshalb sucht Frau Molly um jeden Preis die eleganteste und schickste Frau Bangalores zu sein und zu bleiben. Man „schneidet“ sie, aber – man beneidet sie auch. – Du siehst, daß der Charakter dieser Dame schon aus der Entfernung etwas kompliziert erscheint. Und ihr eigener Gatte scheint ihr – mild gesagt – so manches zuzutrauen.“

Ich trank einen Schluck Tee, schlug dem Frühstücksei den Kopf ab, hatte so einige Zeit zum Nachdenken und erklärte dann:

„Soll etwa Frau Molly dieses Attentat veranlaßt haben, Harald? Etwa um ihren jetzigen Gatten loszuwerden? Und – wie würde sich das mit ihrer Depesche an Bangsey zusammenreimen?! Sie verlangt, ihr Mann soll Dich um Hilfe bitten, und dann setzt sie Dich der Gefahr aus, bei dem Drahtseilsturz mit draufzugehen?! Das ist widersinnig, – entschuldige das harte Wort, aber es ist so.“

Lord Erverlyn nickte mir über den Tisch eifrig zu.

„Genau dasselbe habe ich Mr. Harst soeben auch schon klargemacht,“ rief er leise. „Aber Ihr Freund lächelte nur so eigentümlich dazu und fragte nach Dingen, die recht uninteressant sind, so nach diesem Primsby, der ein ganz übles Subjekt ist und den ich nach Ihrer Abreise im Auge behalten soll.“ Der Lord schnitt ein ganz klägliches Gesicht. „Nun hat man einen berühmten Gentlemandetektiv als Gast, nun hofft man, diesen Herrn mal im ganzen Glanze seiner Talente aufleuchten zu sehen, – und was tut der Herr?! Er hält mir einen Vortrag über altindische Schmuckstücke und beweist mir, daß der Ring, den ihm dieser Radscha verehrt hat, mindesten 800 Jahre alt sein muß und –“

Harald hatte sich lachend erhoben

„Dieser schreckliche Herr wird jetzt sogar noch mehr tun, Mylord. Er wird sich in einen zerlumpten indischen Bettler verwandeln und hier in Dehli ein wenig spionieren gehen. Inzwischen wird Ihnen mein lieber Schraut Gesellschaft leisten.“

Um ½12 war Harald wieder zurück, verwandelte sich schleunigst in den „normalen“ Harst und fuhr mit uns zum Bahnhof, wo Bangsey und dessen Freund Primsby schon warteten.

Primsby war für den Lord absolut Luft. Dabei fand ich, daß er gar keinen so üblen Eindruck mache. Er war höflich und zurückhaltend, tadellos angezogen und hatte eine ähnlich freie Art des Benehmens wie Bangsey.

Dieser hatte ein Abteil 1. Klasse für uns bestellt. Wir waren also ganz unter uns.

So begann der zweite Teil dieses Problems, – die Reist nach Bangalore per Bahn, – Luxuszug.

 

3. Kapitel.

Kurz bevor wir eingestiegen waren, hatte Harald mir noch zugeraunt: „Schweige über meine Vormittagsexkursion als Bettler –“

Das hatte mich ein wenig stutzig gemacht. Ich kam aber nicht dazu, hierüber weiter nachzudenken, denn Bangsey holte sofort, nachdem der Zug sich in Bewegung setzte, eine Depesche hervor und sagte:

„Molly hat mir jetzt einen eingehenderen Bericht über diese rätselhaften Ereignisse in Bangalore geschickt. Das Telegramm kam heute morgen an. Darf ich es vorlesen, Mr. Harst?“

Harald nickte nur.

Unser Abteil hatte wie üblich zwei Polsterbänke, aber mit Leder bezogen. Zwischen den Sitzen stand ein schmaler Tisch. Im übrigen war aller Komfort vorhanden, den man an einen Luxuszug stellen kann: Ventilator, neben der Tür Waschgelegenheit, eine Kühlvorrichtung usw.

Harald und ich saßen auf der einen, Bangsey auf der anderen Bank uns gegenüber. Es war so viel Platz, daß wir jede Stellung einnehmen konnten. Wir hatten die Leinenjacken ausgezogen und waren nur in Sporthemden und Westengürtel und Leinenhosen. –

Bangsey las vor:

„Deine Bestätigung erster Depesche erhalten. Zur Orientierung für Mr. Harst folgendes. – War am 14. nach Tumkur gefahren.“

„Dort haben wir eine große Plantage,“ schaltete Bangsey ein.

„Ellinor blieb mit der Rojane –“

„Die französische Gouvernante Ellinors,“ erklärte Bangsey wieder.

„– mit der Rojane zu Hause. Pest war damals erst vereinzelt hier im Eingeborenenviertel aufgetreten. Fand auf der Plantage alles in Ordnung. Heller –“

„Das ist unser Plantagendirektor, Mr. Harst, – ein Landsmann von Ihnen.“

„Heller war bereits viermal vergeblich auf Anstand auf einen Tiger gewesen, der drei Kinder verschleppt hatte. Wir sind mit großem Treiberaufgebot drei Tage in den nördlichen Dschungeln gewesen. Tiger wurde von mir erlegt. Bei Rückkehr nach Plantage Depesche von Smith –“

„Unser Prokurist in Bangalore –“

„von Smith vorgefunden, daß ganzes Haus ausgestorben und Ellinor mit beerdigt. Sofort nach Bangalore. Fand alles bestätigt. Im Europäerviertel nur unter Dienerschaft etwa 500 Todesfälle. Von uns sämtliche Leute weggerafft. Erzwang von Inspektor Mofler –“

„Der Polizeiinspektor in Bangalore, Mr. Harst –“

„– Mofler Öffnung des Massengrabes, wo Ellinor nur beerdigt sein konnte. War nicht unter den Toten.“

„Ich muß hier einfügen, Mr. Harst, daß nach den seuchenpolizeilichen Vorschriften Pesttote nach spätestens zwei Stunden bestattet werden müssen und daß eine Beerdigung auf einem Friedhof bei einer Seuche kaum möglich ist. Die Sanitätsmannschaften revidieren dauernd, mit karbolgetränkten Schleiern vor den Gesichtern und ebensolchen Handschuhen, die Häuser und gehen sehr rücksichtslos vor. Bekanntlich dauert die Krankheit bei Pest oft nur 6–7 Stunden. Mitunter fallen sogar Leute auf der Straße um und sterben in einer Stunde.“

„Danke, mir ist das alles bekannt. – Bitte weiter –“

„Habe jetzt noch zwei andere Massengräber öffnen lassen. Mofler damit sehr einverstanden. Argwöhnt selbst dunkle Geschehnisse. Auch niemand von unserer Dienerschaft in den Gräbern, wo Eingeborene aus Europäerviertel bestattet. Am wichtigsten, daß auch die Rojane verschwunden. Um jeden Preis Harst bewegen, herzukommen. Wirklich keine Gefahr mehr. – Deine trostlose Molly.“

„Hm – mit dem Bericht läßt sich schon etwas anfangen,“ meinte Harald.

In der Tür erschien einer der Kellner des Speisewagens und fragte nach unseren Befehlen. Wir bestellten Eislimonade.

„Was halten Sie von alledem?“ fragte Harst dann den Großkaufmann.

Bangsey schaute zum Fenster hinaus und schwieg.

„Wir wollen ehrlich gegeneinander sein,“ fügte Harald hinzu. „Gestehen Sie nur ein, Mr. Bangsey: Sie hegen irgend einen Verdacht gegen Ihre Frau.“

Bangsey regte sich nicht.

„Wie ist Ihre Ehe? Glücklich?“ forschte Harst weiter.

„Nein. Molly ist meiner überdrüssig,“ platzte Bangsey heraus. „Eine so oberflächliche Frau ist in ihren Gefühlen nicht beständig. Ich rede nicht gern darüber. Molly – möchte jetzt lieber Ihren Landsmann Heller zum Manne haben, fürchte ich, – den Plantagendirektor. – Jetzt sage ich aber nichts mehr, Mr. Harst, – nichts! Die Sache ist so – so furchtbar widerwärtig und auch so traurig, was Ellinor angeht, daß ich –“

Der Kellner brachte die Eislimonade.

Wir sprachen dann von anderen Dingen. Während der Fahrt bis Bombay geschah nichts, was erwähnenswert wäre.

In Bombay bestiegen wir den Schnellzug nach Bangalore, der bereits eine halbe Stunde später abging. Wir hatten im Schlafwagen drei Kabinen nebeneinander belegt. Die Kabinen haben Verbindungstüren, deren Riegel der Schaffner auf Wunsch zurückschiebt. Wir konnten so noch beim Entkleiden miteinander sprechen. Bangseys Kabine war die erste nach der Maschine zu. Dann kam die Harsts. Die meine war die dritte. Der Schlafwagen lief dicht hinter dem Packwagen des Zuges, also nicht wie bei uns ganz hinten.

Daß auch hier schon Pestgefahr herrschte, merkten wir an verschiedenem. Der Zug roch nach Karbol und Lysol, daß einem ganz übel wurde. Vor der Abfahrt wurden die Reisenden untersucht. Auch wir. Die Ärzte traten sehr höflich, aber auch sehr bestimmt auf. In den Gängen der Wagen hingen große Plakate mit allerlei Vorschriften. Auf den Bahnsteigen standen Bottiche mit Karbolwasser zum Händereinigen. – Man denke nun nicht, daß all diese Maßnahmen auf die Bevölkerung irgendwie niederdrückend gewirkt hätten oder daß die Vorschriften – befolgt wären. Keine Rede! Über Pest und Cholera regen sich in Indien nur die Behörden auf. Die Eingeborenen sind viel zu gleichgültig, um ihrerseits etwas zur Niederhaltung der Seuchen zu tun. Anderseits müssen die Behörden auch wieder auf die Religionsgebräuche der Mohammedaner, Hindus und Buddhisten allerlei Rücksichten nehmen. Nur so ist es zu erklären, daß in manchen Provinzen die Pest oft ein Drittel der Bevölkerung hinwegrafft. –

Wir sprachen während der Nachttoilette über diese Zustände, die Bangsey als alten „Inder“ völlig kalt ließen. Dann sagte er uns gute Nacht, schob seine Verbindungstür zu und zog die Stoffklappen über die Lampe seiner Kabine.

Harald rauchte noch eine Zigarette und sah die Zeitungen durch, die er in Bombay gekauft hatte. Er saß auf seinem Bett und winkte mir jetzt mit einem Male zu.

„Setz’ Dich,“ meinte er. „Hier steht schon etwas im Bombay Rekorder über den Fall Ellinor Orpison. Neues enthält der Bericht jedoch nicht. – Da hier ist’s. Lies nur –“

Ich nahm die Zeitung. Harald hatte in gewöhnlichem Tone gesprochen. Jetzt aber hörte ich ihn plötzlich flüstern, und zwar so leise, daß ich ihn nur verstand, weil er so dicht neben mir saß.

„Wir dürfen nicht einschlafen. Nimm Pistole und Taschenlampe mit unter die Bettdecke. Hier ist verschiedenes nicht in Ordnung –“

Das genügte vollauf, mein Interesse an dem Artikel sehr zu dämpfen. Trotzdem überflog ich ihn.

„Allerdings – das wissen wir alles,“ meinte ich laut.

Harald gähnte herzhaft.

„Stimmt! – Gute Nacht. Ich bin hundemüde –“

Er reichte mir die Hand, zwinkerte mir zu und verdunkelte dann auch seine Lampe.

Daß ich mich hütete, unter diesen Umständen mich ins Bett zu legen, ist selbstverständlich. Hätte ich mich lang hinstreckt, wäre ich auch trotz aller Gegenanstrengungen eingeschlafen. Ich zog daher die Stoffhüllen der Lampe herunter, setzte mich an das Fenster auf den kleinen Klappstuhl, schob die Gardine zur Seite und steckte mir eine Zigarre an. Taschenlampe und Pistole legte ich auf das Fenstertischchen neben mich.

Nun hatte ich Zeit, den Fall Ellinor Orpison in Ruhe nachzuprüfen – in Gedanken! Aber – diese Gedanken gehorchten mir nicht recht. Wenn Harald angeblich hundemüde war, – ich war’s wirklich. Nur eines wurde mir doch klar: Harald schien jetzt Bangsey zu mißtrauen! – Weshalb hatte ich diesem verschweigen sollen, daß Harst in einer Verkleidung ein paar Stunden sich in Dehli umhergetrieben hatte?! Weshalb jetzt diese Vorsicht?!

Aber – es war ja ganz ausgeschlossen, daß Bangsey etwa mit dem Verschwinden Ellinors oder gar mit dem Drahtseilattentat zu tun hatte! Vollständig ausgeschlossen! Das brauchte man sich ja gar nicht näher zu überlegen! Er war seit Wochen hunderte von Meilen von Bangalore entfernt gewesen, und er hatte mit in dem Auto gesessen, das über den Straßengraben sauste und umschlug! – Nein – hier handelte es sich fraglos um Einzelheiten, die ich noch nicht überschaute; hier im Zuge drohte uns nicht von Bangsey Gefahr, sondern von anderer Seite.

Und – da dachte ich wieder an Frau Molly, verwitwete Orpison.

Ich war gespannt, sie kennen zu lernen. Lord Erverlyn hatte sie ja als sehr schön geschildert. Und das Schloß der Bangseys am Lala Bagh-Park, eine renovierte Radschaburg, sollte eine Sehenswürdigkeit sein.

Ah – was war das soeben gewesen –?

Ich fuhr hoch.

Da war doch draußen auf den Trittbrettern soeben an meinem Fenster eine Gestalt vorbeigehuscht.

Auf den Trittbrettern? fragte ich mich unwillkürlich. – Ja, die indischen Schlafwagen haben ganz schmale, durchgehende Trittbretter. Auch anders als bei uns daheim.

Und eine Gestalt? Konnte es nicht ein Bahnbeamter gewesen sein? – Nein! Mein schlafmüdes Hirn arbeitete jetzt exakter. Trotz der Dunkelheit draußen glaubte ich gesehen zu haben, daß das Gesicht des Menschen durch einen schwarzen Tuchlappen verhüllt gewesen war. Außerdem hatte er ganz bestimmt keine Dienstmütze aufgehabt.

Was wollte der Maskierte? Ob er es auf uns abgesehen hatte? Ob Haralds Mahnung zur Vorsicht sich auf ihn bezog. Und – was tun?! Harald das Beobachtete mitteilen?

Ich zögerte.

Da war bereits etwas Neues geschehen.

Eine zweite Gestalt war draußen vorübergehuscht, sehr eilig. Wieder jemand mit verhülltem Gesicht, – jemand, der eine weiche Sportmütze fest über den Kopf gezogen hatte. Dies hatte ich ganz deutlich erkannt.

Ich trat dicht an die Verbindungstür nach Haralds Kabine. Die verhüllten Lampenglocken schufen so etwas wie ein Dreivierteldunkel, in dem alle Gegenstände in ihren Umrissen ungewiß zerrannen und unförmig wurden.

Ich stand und wartete.

Jetzt ein Krach – nicht allzu laut. Das Rollen der Räder verschlang ihn halb. – Ein Krach? Nein – es war ein Knistern wie von splitterndem Glase dabei gewesen.

Eine eingedrückte Fensterscheibe? – Vielleicht! –

Ich mußte Harald benachrichtigen.

Jetzt zu meinen Füßen eine Bewegung. Ich sprang zurück. Das war ein Mensch, der da aus Harsts Kabine in die meine kroch. Ein leises Hüsteln als Erkennungszeichen: Harald!

Er richtete sich erst am Fenster auf, erst Leib an Leib mit mir, der bis dahin zurückgewichen war. Dann drängte er mich beiseite; ließ mein Fenster vorsichtig herab. Diese Fenster haben nur zur Hälfte eine Glasscheibe. Oben eine verstellbare Jalousie aus Eisenstäben.

Er beugte sich vor, wollte hinausschauen! Fuhr zurück, warf sich zurück, riß mich mit um. Sein Hinterkopf schlug gegen mein Kinn dabei.

Dann wurde es hell. Er hatte die Stoffhüllen der Lampe hochgezogen. Und – hatte mich fast gleichzeitig bei den Schultern gepackt und in seine Kabine gezerrt. Ich hörte die Schiebetür zuschlagen, das Drückerschloß einschnappen.

Ich sprang auf.

„Harald, was –“

Er hatte schon den Arm hochgereckt. Auch hier wurde es hell.

„Die Schurken – die heimtückischen Schurken,“ murmelte er. Und trat an Bangseys Tür heran, schob sie auf, leuchtete mit seiner Taschenlampe in dessen Kabine hinein.

„Ah – auch hier,“ flüsterte er.

Und da – da endlich sah ich an ihm vorüber, sah auf dem bunten Bastteppich vor dem Bett ein langes, blitzschnell sich windendes Tau.

Kein Tau! Eine Kobra – eine ausgewachsene Brillenschlange war’s, die nun vor der grellen Helle der Taschenlampe unter Bangseys Bett Zuflucht suchte.

Harald stand noch immer so merkwürdig regungslos da. Was gab es dort noch zu sehen?

Ich beugte mich etwas mehr vor. Und im Moment begriff ich Haralds Starrheit, seine – Hilflosigkeit gegenüber diesem Schrecknis.

Bangsey lag auf dem linken Arm mit dem Gesicht nach der Wand zu und atmete tief und rasselnd. Und auf der Bettdecke, ganz nahe dem rechten, halb entblößten Arm, war der halbe Leib und der Kopf einer zweiten Kobra zu sehen.

Sie hatte sich etwas aufgerichtet. Bangseys Finger bewegten sich im Traume. Der Kopf der Kobra war zu Stoß und Biß etwas vorgereckt. Die im Traume sich regenden Finger reizten das Reptil.

„Die Eisenstange der Gardine – schnell!“ hauchte Harald.

Ich verstand, huschte in seine Kabine, – sah – sah auf dem Tischchen am Fenster – wieder eine Kobra, aber mit abgetrenntem Kopf liegen, und daneben Haralds geöffnetes Dolchmesser.

Eine tote Kobra nur! – Und ich packte die Stange der Gardine; ein Ruck – noch einer. Sie bog sich etwas, – ein dritter Ruck, und ich hatte sie samt der Gardine in der Hand, streifte den Stoff mit den Ringen ab, huschte zurück.

Und Harald griff nach der Schlagwaffe, schob den linken Arm mit der Lampe weit vor, näherte sich dem Bett.

Die Kobra starrte mit den glitzernden Augen in das grelle Licht. Sie konnte die Bewegungen des menschlichen Feindes nicht verfolgen.

Harald schlug zu, – von der Seite, – ein wagerechter, furchtbarer Hieb, der den Schädel des Reptils traf und es aus dem Bett in die Fensterecke schleuderte, wo es in wilden Krümmungen dann hin und her fuhr, ohne sich fortbewegen zu können.

Harst war sofort zurückgetreten.

„Bangsey!“ rief er, – rief es nochmals.

Da regte sich der Schläfer.

„Bangsey, bleiben Sie liegen. Rühren Sie sich nicht. Ein neues Attentat. Unter Ihrem Bett steckt eine lebende Kobra. Ich werde Ihnen mein Feuerzeug zuwerfen und eine Zeitung. Reißen Sie kleine Stücke Papier ab, knüllen Sie sie zusammen, zünden Sie sie an und werfen Sie sie zwischen Bett und Wand. Ziehen Sie die Decken etwas ab. Wir müssen die Kobra hervorscheuchen –“

Bangsey war noch so benommen, noch so schlaftrunken, daß er zunächst wie ein Blöder uns anblinzelte.

„Schlange – Kobra – Unsinn!“ – und er rieb sich die Augen. „Sie machen wohl Witze, Mr. Harst –“

Aber allmählich sah er doch ein, daß diese Witze ganz besonderer Art waren. –

Harald schlug auch diese Kobra tot. Der Trick mit den brennenden Papierstückchen verfehlte seine Wirkung nicht.

Dann rückten wir dem Reptil in meiner Kabine auf den Leib. Auch diese Kobra wurde erledigt. Bangsey half dabei. Nachher durchsuchten wir noch alle drei Kabinen ganz genau. Aber wir fanden nichts von Giftreptilen mehr.

Bisher hatten wir mit Bangsey nur die notwendigsten Worte gewechselt. Nun deutete Harst in des Großkaufmanns Kabine auf die eingedrückte Scheibe.

„Mit Hilfe eines mit Teer beschmierten Lappens,“ sagte er kurz. „Es waren zwei Leute, Mr. Bangsey, die außen am Wagen operierten. Ich habe einen sehr leisen Schlaf. Als die Halunken durch die schräg gestellten Stäbe meiner Jalousie durchgriffen und mir die Kobra auf das Bett werfen wollten, erwachte ich und – ein Hieb mit dem scharfen Dolchmesser genügte. Die Kobra verlor den Kopf, und der Schuft, der sie dicht hinter der Haube am Halse gepackt hielt, bekam noch ein Andenken quer über die Finger. Er ließ auch den Rumpf fallen. Da splitterte bei Ihnen schon die Scheibe. Sie hatten die Stäbe Ihrer Jalousie gerade gestellt. Deshalb das Teerpflaster. Sonst hätten die Schufte – der andere Kerl – nicht die beiden eklen Viecher hineinschleudern können. Bei Schraut stand die Jalousie ebenfalls schräg –“

Dieser kurze Bericht für Bangsey war größtenteils eine Verdrehung der Wahrheit. Weshalb?! Weshalb nur?! – Harald hatte ja nicht geschlafen, ich ebensowenig. Und die Kobra, die wir bei mir fanden, hatten die Kerle Harst ins Gesicht schleudern wollen, als er zum herabgelassenen Fenster hinausschauen wollte.

Weshalb diese Verdrehung der Tatsachen?! – Abermals keimte da das Mißtrauen gegen Bangsey in mir auf.

„Werfen wir die Schlangen hinaus,“ meinte Bangsey, nachdem er aus seiner Reiseflasche sich durch Whisky gestärkt hatte. – Wir lehnten den Alkohol ab.

„Sie haben bessere Nerven,“ nickte er.

„Halt,“ erklärte Harst, „ich will wenigstens ein Andenken an diese Nacht haben –“

Er schnitt den beiden Kobras in Bangseys Kabine die Köpfe ab.

„In Spiritus machen sie sich recht gut,“ lächelte er.

„Pfui Teufel!“ rief Bangsey. Dann flogen die Leiber hinaus.

Harald legte die Köpfe auf sein Fenstertischchen. Auch „meiner“ Kobra trennte er den Kopf ab. Nun hatte er vier der scheußlichen Andenken.

„Ich glaube, wir haben für diese Nacht nichts mehr zu fürchten,“ meinte er darauf. „Den Zug etwa nach den Attentäter abzusuchen, ist zwecklos. Wir haben soeben auf einer Station gehalten. Da können die Kerle ausgestiegen sein, falls sie nicht schon vorhin an einer Steigung, als der Zug langsamer fuhr, abgesprungen sind.“

„Schlafen?!“ Bangsey zuckte die Achseln. „Ausgeschlossen. Aber – legen Sie sich nur ruhig hin. Ich bleibe munter.“

„Es wird ja schon Tag, Mr. Bangsey –“ Harst deutete zum Fenster hinaus. „Schlafen Sie lieber. In Bangalore wird es noch genug Arbeit geben.“

„Hm – eigentlich haben Sie recht –“

Harald schob die Verbindungstür etwa bis auf eine Handbreit wieder zu, sagte dann auch mir gute Nacht. Unsere Tür blieb offen.

Ich hatte mir als Nervenberuhigungsmittel eine Zigarre angezündet. Ich stellte mich in die Tür und schaute Harald erstaunt zu.

Er saß am Fenstertischchen, wandte sich nach mir um, legte den Finger auf die Lippen.

Und – was tat er dort?

Er wickelte die Kobraköpfe einzeln in Zeitungspapier. Und auf den weißen Rand dieser Pakete, dieses Zeitungspapiers, schrieb er mit Bleistift Buchstaben. Er hielt jedes Paket hoch und zeigte mir den Buchstaben. Dabei lächelte er. Aber bei diesem Lächeln lag seine Stirn in tiefen Falten, und sein Gesicht hatte etwas Unheilvoll-Drohendes im Ausdruck.

Die Buchstaben der Pakete waren:

H, B, B, S.

Ich begriff mit einem Male.

Er hatte die Köpfe der Kobras gekennzeichnet, – so, wie die Verbrecher sie uns zugedacht gehabt hatten.

 

4. Kapitel.

Er winkte mir dann zu, daß ich in meiner Kabine verschwinden solle.

Ich setzte mich an das Fenster. Draußen zog der neue Tag herauf. Ich dachte nur an die signierten Kobraköpfe. Was sollte das? Weshalb hatte Harald sie durch die Buchstaben kenntlich gemacht?

Und weiter dachte ich an die Entstellungen, die er bei der Schilderung dieser Ereignisse Bangsey gegenüber eingeflochten hatte.

War der Großkaufmann doch nicht so harmlos, als es schien?! Aber – inwiefern nicht?! Was konnte man ihm vorwerfen? Was konnte er begangen haben?!

Ich schaltete jetzt alles andere aus meiner Denktätigkeit aus, übersah im Geiste nur das, was für und wider Bangseys sprach. Und da kam ich notwendig zu der Überzeugung, daß Haralds etwas rätselhaftes Verhalten ihm gegenüber andere Ursachen haben müsse. Der beste Beweis für Bangseys volle Vertrauenswürdigkeit war fraglos doch dieses letzte Attentat, ganz abgesehen von dem ersten mit dem Drahtseil. Uns alle drei hatte man wieder aus dem Wege räumen wollen. Und das konnten nur Leute getan haben, die uns und unser Eingreifen in Bangalore fürchteten: Frau Molly nebst Anhang!

Jetzt übersah ich die Sachlage vollkommen. Frau Molly hatte hier den alten Trick angewandt. Sie wollte vor aller Welt ihr reines Gewissen so recht eindringlich dadurch betonen, daß sie einen Harald Harst zur Aufklärung des Verschwindens ihres Kindes und der französischen Gouvernante herbeirief. Nebenbei aber hatte sie durch bestechliche Kreaturen demselben Harst die Reise nach Bangalore unmöglich machen wollen. Mehr noch: sie war nicht davor zurückgeschreckt, hierzu ein Radikalmittel anzuwenden: Mord! – Der erste Versuch mit dem Drahtseil war mißglückt. Nun hatte Gift – Schlangengift – den Erfolg herbeiführen sollen. Und gleichzeitig mit Harst und mir wollte sie auch den Gatten aus dem Wege räumen, der der neuen Ehe hinderlich war. Ihr Kind aber, Ellinor, war wohl nur deshalb beseitigt worden, weil die erwachsene Tochter dem eitlen Weibe stets unbequem geblieben wäre.

Oh – ich hatte jetzt eine so lückenlose Kette von Beweisen gegen Frau Molly hergestellt, daß ich geradezu darauf brannte, Harald all dies vorzutragen.

Nun – ich hatte Glück. Er kam ganz von selbst zu mir, setzte sich auf den Bettrand und meinte:

„Verzeih’, wenn ich mir die Fingernägel in Deiner Gegenwart säubere. Ich wollte die Arbeit erst in Bangalore erledigen, aber bis dahin hätten die Köpfe bei der Hitze schon – „gestunken“.“

„Welche Arbeit?“

„Sprich etwas leiser. Das Geräusch des fahrenden Zuges verschluckt zwar alle Worte, aber – sicher ist sicher.“

„Sag’ mal, – wen fürchtest Du eigentlich als Lauscher?“ Ich blickte ihn scharf an.

„Hm – weißt Du, wer in der Nebenkabine steckt? Belegt ist sie ebenfalls. – Was die Arbeit angeht, mein Alters so habe ich die Kobraköpfe etwas auseinandergeschnitten und dann zum Fenster hinausgeworfen.“

„Scherzest Du?!“

„Mir ist verdammt wenig danach zu Mute. Dieses Kobra-Attentat war weniger gefährlich als das Drahtseil. Besinnst Du Dich auf ein früheres Abenteuer in Indien, – von damals her, als wir gegen Warbatty kämpften? Da spielte auch ein Kobrakopf eine Rolle –“

„Hm – in Bangkok etwa, – der Fall „Nur ein Tintenfleck“[5]?!“

„Vielleicht war’s der. Nein, doch nicht. Du wirfst das durcheinander. Ist ja auch gleichgültig. Die Hauptsache: ich weiß jetzt Bescheid, und in Bangalore folgt der Schlußakt.“

„Frau Molly wird peinlich überrascht sein,“ sagte ich etwas rachsüchtig. „Darf ich Dir mal vortragen, wie ich mir die Zusammenhänge zurechtgelegt habe?“

Ich entwickelte nun meine Theorie mit allen Einzelheiten. Harald nickte wiederholt. Dann fragte er:

„Und Frau Mollys Eifer, mit dem sie nach der Leiche Ellinors in den Pestgräbern suchen ließ?“

„Komödie! Nichts weiter. Sie wußte eben, daß Bangsey dasselbe veranlassen würde. Oder – wenn er nicht, dann Du!“

„Hm – das ist eine wunde Stelle in Deiner Theorie. Aber – nur „eine“ wunde Stelle, gebe ich zu. Im übrigen läßt sich Deine Theorie hören.“

„Das klingt so, als ob Du eine andere –“

„Nicht eine andere, mein Alter,“ fiel er mir ins Wort. „Ich – habe die „richtige“ Theorie gefunden. Und die ist einfacher. Du meinst, Frau Bangsey hätte Ellinor und die Französin ermorden und verscharren lassen, nachdem die Pest die Dienerschaft hinweggerafft hatte. Ich – Aber das erörtern wir besser, nachdem wir diese Frau kennen gelernt haben.“

Meine Freude über meine Geistesarbeit war dahin. Ich merkte: ich war auf der falschen Fährte. Offenbar gab es hier Zusammenhänge, von denen ich noch nichts ahnte.

Harald läutete dann nach dem Speisewagenkellner. Er wollte Tee bestellen. Der eingeborene Kellner erklärte, wir könnten uns auch schon in den Speisewagen setzen, er sei schon geöffnet.

Als wir dort beim Frühstück an einem der kleinen Tischchen saßen, betrat ein älterer, graubärtiger, sehr gut angezogener Europäer den Speisewagen und fragte, ob er bei uns Platz nehmen dürfe.

Das war um so auffallender, als nur vier Tische besetzt waren.

Der Herr stellte sich vor. Der Name war natürlich nicht zu verstehen. Ebensowenig die unsrigen allerdings.

Wir sprachen über die Pest – natürlich. Worüber sonst?!

Der Herr, ein Engländer ganz fraglos, erwähnte, daß er aus Bangalore sei und dort die furchtbaren Tage mitgemacht habe.

„Tragen Sie immer einen falschen Bart?“ fragte Harald plötzlich und lächelte ironisch.

Der Herr lächelte auch.

„Nein, Mr. Harst, nur zuweilen –“

Ah – er hatte Harald mit dem richtigen Namen angesprochen. Er kannte uns also.

„Ich bin Detektivinspektor Mofler aus Bangalore,“ flüsterte er. „Ich wußte, daß Sie über Bombay fahren würden. Es ist ja die schnellste Verbindung nach Bangalore. Frau Bangsey hat mich in alles eingeweiht. Ich war Ihr Kabinennachbar, Mr. Schraut.“

„Dann haben Sie also das kleine Loch in die Wand gebohrt,“ meinte Harald. „Hm – wir müssen vorsichtig sein, Mr. Mofler. Können Sie sich irgendwie ausweisen?“

Mofler schob Harald eine gestempelte Karte mit Photographie hin.

„Danke,“ erklärte Harst. „Das genügt. – Sie wollten mit uns sprechen, bevor wir Bangalore erreichten, nicht wahr?“

„Nicht nur das. Ich wollte Sie beschützen, Mr. Harst. Major Lord Erverlyn[6] hat mir von dem Drahtseilattentat telegraphisch Mitteilung gemacht. Ich kenne ihn von früher her. Er lag in Bangalore mal in Garnison. Ich fürchtete, man könnte einen neuen Anschlag gegen Sie unternehmen.“

„Ist schon geschehen,“ sagte Harald mit einem Auflachen. „Mr. Mofler, Sie haben den Anschlag verschlafen –“

„Wie?! Das – das – ist unmöglich. Ich habe noch zwei Beamte hier im Zuge, als Schaffner verkleidet. Die haben die ganze Nacht vor Ihren Kabinentüren patrouilliert.“

„Hätten draußen aufpassen sollen, Mr. Mofler.“ Und Harst erzählte die Geschichte mit den Kobras in aller Kürze.

Mofler war starr.

„Dieser – dieser Heller!“ entfuhr es ihm dann. „Der Mensch muß eine ganze Verbrecherbande zur Verfügung haben. – So leid es mir tut, Mr. Harst: dieser Heller ist ein Landsmann[7] von Ihnen. Er ist der einzige, der hier als der Schuldige in Betracht kommt. Ich habe mich natürlich gehütet, Frau Bangsey von diesem Verdacht etwas mitzuteilen. Sie hält große Stücke auf ihn. Aber – der Mensch ist zu allem fähig! Eine Riese ist’s, mit den Kräften eines Bären und dem Hirn eines Genies! Alles kann er – alles. So vielseitige Leute geraten leicht auf die schiefe Bahn –“

Jetzt war ich starr. – Heller der Schuldige? Der Plantagendirektor?

„Ihre Beweise gegen ihn, Mr. Mofler?“ fragte Harald kühl.

„Er liebt Frau Bangsey. Daraus macht er gar kein Hehl. Mehr noch: er betet sie an! – Die arme Ellinor aber haßte ihn. Deshalb fuhr sie auch nie mit auf die Plantage. Heller war schlau und tat so, als merke er diesen Haß nicht. Jetzt hat er sich gerächt. Er will eben Frau Molly heiraten. – Ah da kommt ja auch Bangsey. He – Bangsey, – wie geht’s?“

Der Großkaufmann musterte den verkleideten Inspektor forschend.

„Ah – Sie sind’s, Mofler!“ Er schüttelte den Kopf. „Was Ihr Polizeimenschen es gut habt! Ihr macht Euch je nach Belieben dreißig Jahre älter oder jünger.“

Er setzte sich. Nachdem der Kellner auch ihm das Frühstück gebracht hatte, fuhr Mofler in seiner Beweisführung gegen Heller fort.

„Sie werden schon verzeihen, Bangsey, wenn ich dabei so etwas Ihre Familienverhältnisse streife,“ entschuldigte er sich vorher noch bei diesem. „Also Heller, Leo Heller. Er möchte gern Besitzer der 25 Millionen werden, die Frau Molly erbt, wenn Ellinor wirklich tot sein sollte –“

Harst beugte sich vor.

„Dann hat Mr. Orpison sein Vermögen also seiner Tochter vermacht?“ fragte er schnell.

„Allerdings,“ warf Bangsey ein. „Meine Frau hat sehr zu ihrem Ärger nur eine halbe Million erhalten. Das ist nach hiesigem Erbrecht möglich. Ein Pflichtteilsrecht gibt es hier nicht.“

„Nur im Falle des Todes der Tochter kam Frau Molly, verwitwete Orpison, als Universalerbin in Betracht,“ ergänzte Mofler. „Hier haben wir also ein doppeltes Motiv, Mr. Harst: Liebe und Geldgier!“

Ich blickte heimlich Bangsey an. Ihm mußte diese Erörterung doch sehr peinlich sein, besonders wo Mofler so offen von „Liebe“ sprach. Bangsey hatte den Kopf gesenkt und die rechte Hand, die auf dem Tische lag, zur Faust geballt.

„Der überzeugendste Beweis gegen Heller,“ erklärte der Inspektor mit Nachdruck weiter, „ist folgendes. Er war es, der Frau Bangsey zu dem Jagdausfluge bewog. So lockte er sie in die Wildnis – für dreiundeinhalb Tage. Inzwischen konnten die von ihm bestochenen Schurken Ellinor und die Französin verschwinden lassen.“

„Er „lockte“ sie?“ meinte Harald. „Wie verstehen Sie das, Mr. Mofler?“

„Nun, er erzählte[8] ihr von dem Tiger und spekulierte auf Frau Mollys Jagdleidenschaft.“

Harst wandte sich an Bangsey. „Also auch Ihre Gattin ist Jägerin? Da haben Sie mit ihr wohl häufiger gemeinsam gejagt?“

Mofler schaute Harald verwundert an, rief dann Bangsey zu:

„Seit wann sind Sie Jäger?“

„Immer, wenn ich nicht zu fürchten brauche, daß ein Unterrock mit von der Partie ist,“ erklärte Bangsey gelassen. „Mit Damen zusammen gehe ich nicht auf die Jagd. Sie brauchen das aber Molly nicht zu verraten, Mofler. Ich habe aus Dehli zwei wundervolle Tigerfelle mitgebracht, – gekauft, hm, ja, werde ich Molly sagen. In Wahrheit –“ Und er kniff das linke Auge zu und krümmte den rechten Zeigefinger, deutete so das Abdrücken einer Büchse an.

Harald klopfte umständlich nach Raucherart den Tabak in einer Mirakulum fest.

„Die weiteren Beweise, Mr. Mofler?“

„Sind auch nur Indizienbeweise, Mr. Harst. Die von Heller gedungenen Eingeborenen – es müssen vier gewesen sein – haben sich in die Tracht der Sanitätsmannschaften, also in weiße Mäntel, Gesichtsschleier, Handschuhe und so weiter, gesteckt und sind in das Schloß eingedrungen, wo wegen der Abwesenheit Frau Bangseys nur sechs Diener, die Französin und Ellinor weilten. Dort werden die Halunken, die ja in ihrer Tracht überall Zutritt hatten und die der Schleier wegen einer wie der andere und auch wie alle Sanitätsleute eben aussahen, die Diener erschlagen und auch –“

„Schon gut,“ nickte Harald. „Wen hält denn Frau Bangsey für die Schuldigen? Oder besser: für den Hauptschuldigen?“

„Das sagt sie nicht. Sie würde es auch nie tun, das heißt: einen Verdacht äußern. Dazu ist sie viel zu seelensgut, viel zu edel von Charakter. Heller bringt sie mit der Sache gar nicht in Verbindung. Sie wird sehr entsetzt sein, wenn ich ihn verhafte.“

„Eigentlich sind Schraut und ich dann in Bangalore ganz überflüssig,“ meinte Harald. „Die Sachlage ist ja durch Sie bereits offenbar vollständig klargelegt, Mr. Mofler. Was sollen wir dort noch?“

Mofler lächelte in seiner Verkleidung ganz stolz. Er nahm an, Harald teile seine Ansicht.

„Mr. Harst, die Leichen fehlen uns noch,“ erklärte er mit leichter Verbeugung. „Auch die Mitschuldigen Hellers. Und – wenn es Ihnen gelänge, noch ein paar recht augenfällige Beweise gegen Heller zu verschaffen, – hm, das wäre ja auch recht gut. Heller wird leugnen, und mit Indizienbeweisen ist nicht viel anzufangen –“

Nur ich sah wohl das ironische Lächeln, das schnell wie ein Windhauch um Haralds Mund zuckte.

„Abwarten!“ meinte er. Bangsey reichte ihm ein Streichholz für die Zigarette. – „Danke sehr. – Übrigens, die Kobraköpfe habe ich doch weggeworfen. Mr. Bangsey. Sie hätten recht bald übel geduftet. Gibt es viel Brillenschlangen in Maissur?“

„Wo gibt es die nicht in Indien, Mr. Harst?!“

Harald wandte sich wieder an Mofler. „Haben Sie bereits so etwas wie einen Schlachtplan für Bangalore entworfen?“

„Nein.“

„Weiß Heller, daß ich komme?“

„Bewahre. Er sitzt ja auf seiner Plantage. Er hat nur immer mit Frau Bangsey telephoniert. Ich riet Frau Molly dringend, niemandem anzuvertrauen, daß sie Sie zu Hilfe gerufen hätte. Sie und Mr. Schraut werden von der Dame als Gäste erwartet. Zimmer für Sie beide werden bereitgehalten.“

„Ich habe die Herren auch meinerseits eingeladen,“ erklärte Bangsey. „Es ist selbstverständlich, daß Sie unsere Gäste sind, Mr. Harst –“

Harald dankte kurz.

Es trat eine Pause im Gespräch ein. Nach einer Weile meinte Harst:

„Man müßte Heller eine Falle stellen – irgendwie –“

„Aber wie?“ fragte Mofler eifrig.

„Das werde ich mir noch überlegen. – Weshalb tragen Sie denn Verkleidung, Mr. Mofler?“

„Hellers Spione wegen. Ich fürchte, er könnte doch etwas von Ihrer Ankunft erfahren haben. Darüber sprachen wir ja schon. Aber – hier im Zuge ist kein verdächtiger Mensch.“

„Nein – die waren außen am Zuge,“ nickte Harst. „Wenn Heller nun aber in Bangalore auf dem Bahnhof oder, was doch sehr wahrscheinlich ist, im Schlosse der Bangseys Aufpasser hat?!“

„Oh – Sie beide sollen ja auch heimlich ins Schloß geschafft werden. Das ist alles schon vereinbart. Das besorge ich. Bangsey fährt vom Bahnhof in seinem ihn erwartenden Auto heim. Sie beide kommen erst mit zu mir, lassen Ihre Koffer bei mir und verändern sich vielleicht ein wenig, damit Sie –“

„Gut, gut, – ganz einverstanden. – Wir sind um 7 Uhr abends in Bangalore. Bis dahin wollen wir jetzt von all diesem Unerquicklichen nicht mehr sprechen. Spielen Sie Schach, Mr. Bangsey? Wie wär’s mit einer Partie?“

Mofler und ich machten die Zuschauer. Harald verlor mehrere Partien.

„Sie sind wirklich der bessere Schachspieler. Ich gebe es auf,“ erklärte Harst schließlich. Inzwischen war es Zeit geworden, im Speisewagen das Diner einzunehmen.

Auch der Rest der Reise verlief recht behaglich.

Und dann – kam Bangalore, kam der Schlußakt, – ein Spiel ums Leben.

 

5. Kapitel.

Die getroffenen Vereinbarungen wurden genau eingehalten. Wir fuhren zuerst zu Mofler. Von Bangsey hatten wir uns schon vorläufig im Zuge verabschiedet. Auf dem Bahnhof nahmen wir keine Notiz voneinander.

Mofler bewohnte einen eigenen Bungalow im[9] Europäerviertel. Er war Junggeselle, hatte das übliche Dutzend Diener und hätte uns am liebsten bei sich behalten.

Wir sollten erst nach Dunkelwerden, gegen zehn Uhr, zu Bangseys hinübergehen, deren schloßartige, wie schon erwähnt renovierte Radschaburg nebst Riesenpark keine zehn Minuten entfernt war. Bangsey wollte uns an einer Seitenpforte der Parkmauer erwarten. Am Morgen wollte Harald dann – die Dienerschaft der Bangseys sollte zuverlässig sein – mit Mofler die Räume des Schlosses in Augenschein nehmen. Die von der Französin und Ellinor bewohnten Zimmer waren in genau demselben Zustande belassen worden.

Mofler setzte uns einen Imbiß und Wein vor. Der Kaviar war erstklassig. Wir saßen auf der Veranda nach dem Garten hinaus. Über dem Tische schwangen zwei große Fächer hin und her.

Gegen ½9 erschien plötzlich Allan Bangsey. Er war ganz verstört.

„Meine Herren – etwas Neues –“ rief er atemlos. „Ich bin im Auto hierher gehetzt. Molly ist weg –“

Er ließ sich in einen Korbsessel fallen.

„Als ich nach Hause kam, fand ich sie nicht mehr vor,“ erklärte er dann etwas ruhiger. „Dhura Sing, der alte Hausmeister, sagte, Molly sei im Salon. Ich wunderte mich schon, daß sie nicht in der Vorhalle war. Ich eilte hinauf. Der Salon war leer. Ich ging durch alle Zimmer – keine Spur von ihr. Ich läutete nach Dhura Sing. Es entstand eine allgemeine Aufregung. Bis vor zehn Minuten haben wir das ganze Haus und den Garten abgesucht –“

Wir waren geradezu sprachlos. Was bedeutete das nun wieder?!

„Wann ist Ihre Gattin denn zuletzt im Hause gesehen worden?“ fragte Harald nun.

„Fünf Minuten vor meinem Eintreffen daheim,“ erwiderte Bangsey und trocknete sich die Stirn. „Ich sagte ja, sie sprach mit Dhura Sing und stieg dann über die große Treppe in das erste Stockwerk hinauf.“

Harald erhob sich. „Ihr Auto wartet wohl, Mr. Bangsey. Fahren wir zu Ihnen.“

„Darum wollte ich Sie auch bitten, Mr. Harst –“

Harald faßt in die Tasche. „Einen Moment. Wir holen nur noch unser Handwerkzeug. Komm’ Schraut.“

Wir gingen in Moflers Arbeitszimmer. Dort standen unsere Reisetaschen.

„Neue Batterien,“ sagte Harald kurz. Wir tauschten die Batterien unserer Taschenlampen aus.

„Sobald wir bei Bangseys sind, mein Alter, beobachte mich genau,“ flüsterte er nun. „Die Schurkerei ist jetzt wahrhaftig zu Ende geführt worden. Welche unerhörte Frechheit, das unter meinen Augen zu wagen! Aber – es mag der Erfolg der von unserer Seite so glänzend durchgeführten Komödie sein; es ist – die Falle!“

Er schritt der Tür zu. Ich verharrte noch an derselben Stelle. Diese Sätze waren wie Keulenschläge gewesen. –

Als wir durch den Garten dann zu vieren der Straße und dem Auto zuschritten, kam uns ein Depeschenbote entgegen.

„Ein Telegramm für Mr. Harald Harst durch Inspektor Mofler,“ erklärte der eingeborene Beamte.

Harald steckte die Depesche ungelesen zu sich.

„Na nu?“ meinte Mofler. „Gar nicht neugierig?!“

„Nein. Ich weiß, was sie enthält,“ erwiderte Harald kurz.

Wir fuhren in dem eleganten Auto von dannen, eine breite Prachtstraße hinab, bogen dann in ein Parktor ein, sausten eine Allee entlang und hielten vor der früheren Radschaburg.

Es war noch hell genug, die ganze phantastische Schönheit dieses Riesenbaus zu erkennen. So großartig hatte ich mir das Schloß der Bangseys nicht vorgestellt.

Bangsey führte uns in die Säulenvorhalle. Hier stand der Hausmeister Dhura Sing. Er war nebst acht anderen Dienern dem rätselhaften Verhängnis entronnen. Wir stiegen die breite Marmortreppe hinauf und betraten den Salon – den sogenannten Salon. Es war ein Saal mit drei Fenstern, marmorgetäfelt, mit einer wundervoll geschnitzten Holzdecke.

Der Hausmeister schaltete die beiden Kristallkronen ein und verschwand.

„Wollen Sie sofort die anderen Räume sehen, Mr. Harst?“ fragte Bangsey höflich. „Ich möchte den Herren allerdings lieber zur Begrüßung ein Glas Sekt kredenzen –“

„Angenommen,“ nickte Harst.

Wir nahmen in einer Ecke des Saales Platz. Dort standen ein Ecksofa aus Seidenstoff, ein runder Tisch und bequeme Sessel.

Zwei Diener erschienen, – lautlos, tadellos geschult, brachten den Kühler mit der Sektflasche darin, den Ständer und die geschliffenen, hauchdünnen Sektschalen.

Dann kam der Hausmeister, füllte die Gläser. Ein anderer Diener stellte Zigarrenkisten und Zigarettenschachteln zur Auswahl hin. – Ebenso lautlos verschwand die Dienerschaft wieder.

Bangsey ergriff sein Glas.

„Mr. Harst – Mr. Schraut, Sie gestatten, daß –“

Die kostbare Sektschale fiel ihm aus der Hand, zersplitterte auf dem Teppich.

Bangseys Gesicht war leichenblaß geworden, seine Augen quollen vor, stierten zu Harst hinüber.

Haralds Rechte lag neben dem Sektglase auf der wundervollen indischen Seidendecke des Tisches. Und in dieser Rechten hielt er die schwärzliche, kurze Clementpistole.

„Bangsey, das Spiel ist aus,“ sagte er scharf. „Wollen Sie ein Geständnis ablegen? Wollen Sie uns mitteilen, wo Sie Ihre Gattin verborgen haben?“

Allan Bangsey versuchte ein halb irres Lächeln. Große Schweißperlen erschienen auf seiner Stirn.

„Sie – Sie – belieben hier – ein – wenig eigentümliche Scherze – zu machen,“ stotterte er dann.

„Wollen Sie alles gestehen?“ fragte Harst noch drohender. „Mensch, sehen Sie denn nicht ein, daß ich Sie schon nach dem Drahtseilattentat durchschaut hatte?! – Sie sind der kaltblütigste Heuchler, der beste Komödiant – nur feige sind Sie! Soll ich Ihnen einmal einen Spiegel vor das Gesicht halten. So, wie Sie jetzt, schaut nur ein Schuldiger aus!“

Bangsey sprang auf. „Mr. Harst, ich muß doch sehr bitten –“

Da hatte Mofler ihm schon den Weg versperrt, packte ihn beim Arm.

„Halt, Bangsey, – ein reines Gewissen haben Sie nicht! Das merke ich jetzt. Setzen Sie sich wieder –“

„Mr. Mofler, Sie gestatten doch, daß ich schieße, falls er nochmals einen Fluchtversuch macht,“ sagte Harald. „Diesen Menschen irgendwie zu schonen, wäre Torheit.“

Mofler nickte, und Bangsey sank wie gebrochen in den Sessel zurück.

„Telefonieren Sie nach der Polizeidirektion,“ wandte Harald sich wieder an den Inspektor. „Lassen Sie in aller Stille den Park umstellen, aber so, daß keine Maus durchschlüpfen kann.“

Mofler ging hinaus. Bangsey saß zusammengesunken da, mit auf die Brust herabhängendem Kopf, atmete keuchend und verlor ganze Ströme von Schweiß. Sein fahles Gesicht triefte förmlich.

„Sie waren zu siegesgewiß,“ sagte Harst zu ihm. „Der Schlag kam daher wirklich wie ein Blitz. Das sollte er auch, Bangsey. – Mann, legen Sie ein Geständnis ab!“

Bangsey regte sich nicht.

Ein unheimliches Schweigen lastete nun über dem großen Raume. Endlich kam Mofler zurück.

„Erledigt,“ erklärte er. „In zehn Minuten haben fünfzig Leute die Parkmauer umstellt. Das genügt.“

„Ja. – Bangsey, Sie wollen also trotz dieses Nervenzusammenbruchs noch leugnen?! Wie töricht!“

Allan Bangsey hob den Kopf. „Ich – ich habe weder etwas zu leugnen noch zu gestehen. Wenn einem ehrenwerten Menschen, der durch die letzten Ereignisse ohnehin schon aus dem seelischen Gleichgewicht gekommen ist, derartige Vorwürfe gemacht werden, dann –“

„Genug!“ rief Harst. „Genug! Sie beginnen das frühere Heuchlerlied. – Also dann die Beweise, daß Sie Ellinor und jetzt auch Ihre Frau haben verschwinden lassen, um in den Besitz des großen Vermögens zu gelangen. – Ich bin überzeugt, daß die Autopannen Ihr Werk waren. Wir sollten eben erst bei Dunkelheit dort an jene Stelle der Straße kommen, wo Ihr Genosse Primsby das Seil gespannt hatte, als unser Kraftwagen nahte. – Dies sind noch keine Beweise, Bangsey. Sie brauchen mich daher gar nicht so anzusehen, als ob ich meine fünf Sinne nicht beisammen hätte. – Der erste Verdacht stieg in mir gegen Sie kurz vor dem Anprall gegen das Seil auf. Denn da rutschten Sie plötzlich von Ihrem Sitz herab und taten, als wollten Sie Ihr Feuerzeug aufheben, mit dem Sie zwecklos gespielt hatten. Sie rutschten also sozusagen in Deckung, haben sich dann unten festgehalten und die Katastrophe unbeschädigt überstanden. Ihre scheinbare geistige Stupidität nach dem Unfall war also Schauspielerei. Sie sind in Wahrheit ohne die geringste Verletzung davongekommen. – Der Verdacht gegen Sie war jetzt vorhanden. Er wurde noch verstärkt durch die raffinierte Art, wie Sie meine Aufmerksamkeit auf Ihre Frau lenkten. Ich will das nicht näher ausführen. Meinen Freund Schraut haben Sie denn auch dadurch gründlich „eingewickelt“. – Wir kamen nach Dehli, Sie logierten bei Ihrem Freunde Primsby, mit dem Sie soeben erst einen längeren Jagdausflug unternommen haben wollten. Lord Erverlyn nun sagte uns, daß dieser Primsby ein ganz übles Subjekt sei. Ich bin dann in Dehli, als Bettler verkleidet, in Primsbys verwildertem Garten gewesen. Sie beide saßen auf der Veranda. Viel hörte ich nicht. Aber immerhin etwas, das recht vielsagend war, nämlich folgende Worte Primsbys: „Wenn die Alte auch noch dort unten bei den andern liegt, sind die Millionen –“

Da jagte mich einer der Diener weg. – Die „Alte“ dürfte Ihre Frau sein, die jetzt ja tatsächlich verschwunden ist. – Weshalb flattern Ihre Hände plötzlich so, Bangsey? Sehen Sie nun ein, daß ich die Schachpartie im Zuge nur verlieren wollte, um Ihr Überlegenheitsgefühl über mich noch mehr zu stärken? – Weiter aber. Ich gab Erverlyn den Auftrag, Ermittlungen anzustellen, ob Sie und Primsby wirklich in jenen Dschungeln und Sümpfen Tiger gejagt hätten. Ich wußte freilich schon da, daß dieser Jagdausflug Sie beide – hier nach Bangalore, natürlich gut verkleidet, geführt hatte. Aber Erverlyn sollte es mir schwarz auf weiß geben.“

Harald zog die Depesche hervor, die er bisher nicht geöffnet hatte.

„Lord Erverlyn telegraphiert hier: „Jagdausflug bestimmt erlogen. Beide Diener Primsbys verhaftet. Haben gestanden, daß ihr Herr nach Bombay gereist war. Primsby von hier mit Auto Ihrem Zuge nachgefahren. Hat denselben Zug dann von Gurgaon benutzt. Sichere Beweise hierfür.“ – Aha – also in unserem Zuge! Der Mann mit den Schlangen also! Der eine Mann. Es waren ja zwei. – Nun zu diesem Attentat. Das Drahtseil sollte Harald Harst und Schraut in die Ewigkeit befördern, damit sie hier in Bangalore nicht gefährlich werden könnten. Es wurde ein Mißerfolg. Da sollten die Kobras die Arbeit verrichten. Aber damit auf Sie, Bangsey, kein Verdacht fiele, wurden Sie gleich mit zwei Kobras bedacht. Ich habe die Giftdrüsen der vier Schlangen untersucht. Die von „Ihren“ Kobras waren leer. Die Reptile waren also ungefährlich. Ein feiner Trick! Unsere Kobras waren jung und die Drüsen voll. Wir wären an dem Biß gestorben! – Nun wissen Sie auch, weshalb ich die Köpfe abschnitt. – So, daß sind vorläufig meine Beweise gegen Sie! – Mofler, verhaften Sie diesen Menschen. Binden Sie ihn und bleiben Sie bei ihm. Ich werde mit Schraut diese alte Radschaburg durchsuchen. Und ich werde den Ort finden, wo, wie Primsby sagte, „die anderen dort unten liegen –“ Ah – haben Sie jetzt genug, Bangsey? Kommt jetzt die Angst?!“

„Ich – ich will Kronzeuge spielen,“ winselte der Feigling. „Nicht ich habe den Plan erdacht. Primsby tat es. Als die Pest sich Bangalore näherte, sind wir und Primsbys Freund Pachanelle, ein Franzose, hier nach Bangalore gefahren. Molly war auf der Plantage. Wir verkleideten uns als Sanitätsmannschaften, drangen hier ein, haben erst – nein, Primsby und Pachanelle taten es allein, die Diener niedergeschlagen und erwürgt, dann – dann – auch die Französin und Ellinor –“

Mir gerann das Blut in den Adern vor Entsetzen. Harst und Mofler saßen ebenfalls mit ganz verzerrten Gesichtern da.

„Und heute – heute habe ich – ich Molly hier im Salon betäubt und dort aus der Bibliothek über die geheime Treppe in die alten Gewölbe geschleppt. Inzwischen sind Primsby und Pachanelle, die mit uns hier auf dem Bahnhof eintrafen, durch den zweiten Eingang vom Parke aus dort eingedrungen –“

Harald sprang auf. „Zeigen Sie uns die Geheimtür zu der Treppe – vorwärts!“

Mofler packte den Elenden beim Genick. Nebenan die Bibliothek hatte ebenfalls marmorgetäfelte Wände. Eine der Marmorplatten war die Tür. Harald stürmte mir voran. Die Treppe war eng, vielfach gewunden. Wir kamen tiefer und tiefer. Dann hörten wir Stimmen – eine flehende Frauenstimme, höhnisches Lachen –

Ich will das Folgende nur andeuten. Tiefste menschliche Verworfenheit, Bestialität und Gemeinheit hier näher zu beleuchten, ist nicht meine Aufgabe.

Harst feuerte zwei Mal vom Fuße der Treppe aus.

Zwei menschliche Bestien waren ausgelöscht.

Wir banden Frau Molly los; Harald lieh ihr seine Leinenjacke. Es war nötig. Die Schufte hatten[10] ihr die Kleider vom Leibe gerissen. –

In diesem Gewölbe waren auch die Diener, die Französin und das arme, schöne Kind verscharrt worden. Die Leichen wurden noch an demselben Abend ausgegraben. –

Als wir die Geheimtreppe wieder emporgestiegen waren, als wir die Bibliothek betraten, – wer lag da bewußtlos halb erwürgt am Boden? –: Inspektor Mofler!

Allan Bangsey war entflohen.

Harald stand einen Moment wie gelähmt da.

„Schraut,“ sagte er leise, „dieser Mensch hat mich doch überlistet. Seine Feigheit, seine völlige Niedergebrochenheit waren auch wieder Komödie! Nur so konnte er entwischen. Nur so kam es, daß Mofler nicht vorsichtig genug war!“ –

Die Jagd auf diese dritte menschliche Bestie begann. Ich schildere sie im nächsten Erlebnis.

 

 

Der leere Koffer

 

1. Kapitel

Im Salon des Schlosses Bangsey war großer Kriegsrat.

Der Kriegsrat fand Allan Bangseys wegen statt, der noch nicht wieder erwischt worden war.

Es nahmen daran teil:

Polizeidirektor Thomas Chester, Bangalore,

Detektivinspektor Mofler, Bangalore,

Lord Douglas Erverlyn, Major in der Kolonialarmee, Dehli,

Harald Harst,

meine Wenigkeit: Max Schraut. –

„Wir sind hier zusammengekommen, meine Herren,“ begann Chester, „um nochmals gemeinsam zu beraten, was geschehen kann, um Allan Bangseys habhaft zu werden. Ich möchte jetzt zunächst Mr. Harst als anerkannter Autorität das Wort erteilen.“

„Die Sachlage ist die,“ begann Harst. „Bangsey hat Mofler überfallen und ist entflohen. Seit seinem Entweichen hat ihn kein Mensch mehr gesehen. Der Park war damals schon von der Polizei umstellt. Die Polizisten behaupteten, daß kein Mensch entschlüpft sein kann. Also mußte Bangsey noch hier im Schlosse stecken. Dieses ist durchsucht worden – so gründlich durchsucht, daß wir annehmen müssen, er ist nicht mehr hier. Die Bewachung der Parkmauer wird noch immer aufrecht erhalten. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten: Bangsey ist noch immer hier irgendwo verborgen oder längst über alle Berge.“

Der würdige Chester, der diesen Kriegsrat veranlaßt hatte, merkte nicht, daß Harald weder ihn noch den Kriegsrat ernst nahm. Ich merkte es. Und Erverlyn auch. Er schmunzelte nämlich vorsichtig.

„So ist es,“ sagte Chester. „Wenn er – längst über alle Berge ist, werden wir ihn auch nicht wieder einfangen. Ein so raffinierter Verbrecher entzieht sich allen Verfolgungen.“

Harald lag bequem in seinem Seidensessel und blies seine tadellosen Rauchringe.

„Da geben Sie mir wohl doch recht, Mr. Harst?“ fügte der Polizeidirektor hinzu und schaute Harald etwas strafend an, weil dieser so wenig Interesse für den Kriegsrat zeigte.

„Nein, Mr. Chester,“ sagte Harst seelenruhig. „Auch der raffinierteste Verbrecher macht eine Dummheit. Und dann – bekommt man ihn.“

„So?! Na, bitte – kriegen Sie doch mal Allan Bangsey! Dann will ich Ihnen glauben. Ich für meine Person wette, Bangsey wird nie mehr auftauchen.“

Harald setzte sich aufrecht und streute die Zigarettenasche in die Schale.

„Dann können wir die Jagd ja überhaupt aufgeben,“ rief er. „Ich bin ganz einverstanden damit. Lord Erverlyn, Schraut und ich werden noch ein paar Tage hier die Gäste Frau Molly Bangseys sein und dann im Norden echten Tigern nachstellen.“

„Oh – so war es nicht gemeint,“ beeilte Chester sich, zu erklären. „Sie müssen nicht so empfindlich sein, Mr. Harst. Ich erkenne Ihre geistige Überlegenheit wahrhaftig an. Nur –“

„Na – von meiner Seite war’s aber ganz ernst gemeint,“ erwiderte Harald durchaus liebenswürdig. „Wir haben doch eingesehen, daß wir mit diesem Massenaufgebot von Polizei nichts ausrichten. Wohin man hier im Schlosse tritt, da tritt man auf einen Polizisten. Draußen vor dem Parktor ist’s genau so.“

Chester rief jetzt wieder recht gereizt: „Sie selbst haben doch die Polizei –“

Harald hatte eine nachlässige Handbewegung gemacht und war aufgestanden.

„Mr. Chester, ich denke, wir beenden diese Besprechung. Sonst gehen wir noch mehr im Unfrieden auseinander. Ich betone nochmals: ich kümmere mich um Allan Bangsey nicht mehr. Das ist mein letztes Wort.“

Er verbeugte sich und trat an eins der Fenster.

Chester murmelte ein „Unerhört – anmaßend!“ winkte Mofler und verließ mit kurzem Gruß den Salon.

Lord Erverlyn und ich schauten uns ganz sprachlos an.

„Zum Teufel, bester Harst,“ rief der temperamentvolle Lord, „was ist denn heute in Sie gefahren?“

„Nichts. Ich brauche Bewegung. Wie wär’s mit einer Tennispartie?“

Der Hausmeister Dhura Sing ließ das Nötige nach den Tennisplätzen bringen. Zwei Diener sollten die „Balljungen“ spielen. Aber Harst schickte sie weg.

„Die Bälle heben wir uns schon allein auf – schert Euch!“

Aha – ich merkte was!

Zunächst spielten Erverlyn und Harald mit allem Eifer. Dann erklärte Harst, er würde doch recht schnell müde; ungewohnte Arbeit.

Und nach einer halben Stunde saßen wir vor der offenen Tennislaube in den Korbsesseln dicht beieinander.

„So,“ sagte Harst. „Hier ist so ungefähr der einzige Ort, wo wir nicht belauscht werden können. Deshalb auch das Tennisspiel. Das Schloß ist ja der reine Fuchsbau, wie wir festgestellt haben. Ob wir aber alle Geheimtüren, Geheimtreppen und so weiter entdeckt haben, bezweifle ich stark.“

Er hielt dem Lord sein Zigarettenetui hin.

„Rauchen Sie, Mylord. Unsere Sitzung hier muß ganz harmlos wirken, darf nicht den Eindruck erwecken, als wollten wir drei nun hier – Kriegsrat abhalten.“

Er rieb sein Feuerzeug an. Ich aber sagte lächelnd:

„Harald, Du bist durchschaut. Der Krach mit Chester war Absicht!“

„Stimmt. Wir müssen die Offiziellen, die polizeiliche Heeresmacht, loswerden. Anders kriegen wir den Halunken nicht.“

Erverlyn war ganz Ohr.

„Bitte, Mylord, machen Sie gefälligst nicht ein so interessiertes Gesicht,“ warnte Harst. „Wir werden auch hier zweifellos belauert – das heißt beobachtet.“

„Von wem denn?!“

„Von Bangseys Vertrautem –“

„Und das wäre?“

„Der Hausmeister Dhura Sing.“

Erverlyn und ich mußten mit Gewalt unser Erstaunen bemänteln und die harmlos sich Unterhaltenden weiterspielen.

„Dhura Sing soll Bangseys Vertrauter sein? Wie meinen Sie das?!“ fragte der Lord dann.

„Die Sache ist sehr einfach, Mylord. Sie wissen, daß vier als Sanitätsmannschaften verkleidete Leute damals hier während der Pesttage das Schloß betreten haben – vier! Das ist beobachtet worden. Diese vier Leute trugen dann auf Bahren die „Pesttoten“ davon. In Wahrheit lag wer weiß was auf den Bahren. Denn die Schufte haben ihre Opfer ja in den Gewölben verscharrt gehabt. – Vier Leute! Wir kennen aber bisher nur drei: Bangsey, Primsby und Pachanelle. – Daran hat weder Chester noch Mofler gedacht, daß Nr. 4 fehlte. Während wir das Schloß und den Park geradezu umkrempelten, um Bangsey herauszuschütteln, blieb mir noch Zeit genug, in aller Stille hier nebenbei tätig zu sein. Und da habe ich erstens folgendes von Frau Molly erfahren: Der Hausmeister, der sie doch mit auf die Plantage begleitet hatte, ist dort nicht die ganze Zeit bis zur Rückkehr Frau Bangseys von der Tigerjagd gewesen, sondern hat an einem Tage angeblich einen Bekannten in einem nahen Dorfe besucht und ist den ganzen Tag fortgeblieben. Und dieser Tag ist der 18. Dezember, also der Tag, an dem die Bestien hier das arme Kind mit abschlachteten –“

„Donnerwetter!“ entfuhr es Erverlyn. „Ich möchte Ihren Kopf haben, lieber Harst!“

Harald lachte.

„Sie wissen, Mylord, – wer Lust hat zum Tauschen, hat Lust zum Betrügen! – Aber weiter. Denn das ist ja nicht alles, was ich über den alten Inder, der einen so vortrefflichen Eindruck macht, festgestellt habe. Das Wichtigere kommt erst. – Als Frau Molly mir das soeben Erwähnte mitgeteilt hatte, natürlich wird sie Dhura Sing verschweigen, daß wir über ihn sprachen, – habe ich mir den Hausmeister so etwas aufs Korn genommen. Diese Beobachtung begann vorgestern abend, also 24 Stunden nach Bangseys Entweichen. Dieser alte Schuft von Inder hält mich nun offenbar für einen ausgewachsenen Esel. Ich habe mich mit ihm häufiger unterhalten und ihn dabei eben völlig in Sicherheit gewiegt. – Ich bin nun überzeugt, daß Bangsey noch im Schlosse ist. Deshalb auch der „Krach“ mit Chester, von dem Dhura Sing seinem Freunde Bangsey schleunigst Kunde geben wird. Auch davon, daß wir drei nur noch kurze Zeit hier bleiben und dann abreisen. Bangsey wird daher ganz ruhig in seinem Versteck abwarten, bis wir weg sind, und dann erst wird er das Weite suchen.“

„Ich würde genau so handeln,“ nickte Erverlyn.

„Nun meine Beweise, daß Bangsey sich noch im Schlosse verborgen hält,“ fuhr Harald fort. „Vorgestern abend habe ich mir „zufällig“ die Küche angesehen. Der Koch ist ein Parse, ein Feueranbeter, wird daher von der übrigen, andersgläubigen indischen Dienerschaft gemieden. Dem Parsen entlockte ich nun die beiläufige Bemerkung, daß Dhura Sing mittags für sich allein zwei Hühner habe braten lassen. Und nachmittags wieder hätte er Appetit auf Röstschnittchen und – Kaviar gehabt! – Das war vorgestern. Gestern abend nahm ich mir den Parsen abermals vor. Er wußte – wieder so nebenbei – mir zu erzählen, daß Dhura Sing mittags auf seinem Zimmer gegessen und von dem Hammelrücken ein riesiges Stück vertilgt habe. – Kurz: der Hausmeister füttert den Flüchtling. Das ist klar. Und Bangsey muß irgendwo im Ostflügel des Schlosses versteckt sein. Denn ich habe Dhura Sing in diesen zwei Tagen – heute früh auch – im ganzen fünfmal dorthin schleichen sehen, – in den Ostflügel im ersten Stock!“

Harald stand auf und reckte sich.

„Sie machen viel zu interessierte Gesichter, zum Teufel!“ sagte er. „Du auch, mein Alter. Wenn der alte braune Schuft hinter den Büschen steckt und Ihre Mienen sieht, merkt er, daß hier nicht über Tigerjagden gesprochen wird.“

Harst stützte sich auf die Lehne des Korbsessels.

„Wir werden nun also noch bis übermorgen Gäste Frau Mollys bleiben,“ sagte er, „und dann abreisen – zum Schein. In Wirklichkeit verlassen wir den Zug recht bald, kehren im Auto verkleidet zurück und bewachen das Schloß. Dann müssen wir Bangsey fangen, wenn wir nicht gerade unglaubliches Pech haben –“

Ich hatte schon vorhin vom Schlosse laute Rufe vernommen. Jetzt kam einer der farbigen Diener herbeigestürzt und teilte uns ganz außer Atem mit, daß die Kammerfrau Frau Bangseys sich in ihrem Zimmer erhängt habe.

 

2. Kapitel.

Man muß indische Verhältnisse kennen, um die folgende Szene zu begreifen.

Douglas Erverlyn schnauzte den Diener grob an.

„Und deswegen kommst Du wie ein Verrückter dahergerannt?! Wenn die Kammerfrau der Mem Sahib (Herrin) sich aufknüpft, – was geht das uns an.“

„Die Mem Sahib bittet Sahib Harst, zu ihr zu kommen,“ sagte er. „Scherita war der Mem Sahib Vertraute.“

Er verbeugte sich.

„Gut, ich komme,“ erklärte Harst. – Der Diener zog sich zurück.

Er war kaum in einem der Seitenwege verschwunden, als Frau Molly Bangsey selbst erschien.

Harst eilte ihr jetzt entgegen. Sie weinte und konnte kaum sprechen. Sie nahm dann in einem der Korbsessel Platz und erzählte schluchzend, daß Scherita bereits 18 Jahre ihre Kammerzofe und daß die Inderin ihr daher mehr Freundin als Dienerin geworden sei.

„Mr. Harst, Scherita hatte nicht den geringsten Grund zum Selbstmord,“ fügte sie hinzu. „Sie ist Mohammedanerin. Es kommt kaum vor, daß ein Moslim sich das Leben auf diese Weise nimmt. Bitte, sehen Sie sich die Tote doch einmal an. Die Diener haben sie nur von dem Haken gehoben und sonst nichts im Zimmer angerührt.“

„Wann fand man sie? Soeben erst? Haben Sie sie morgens noch gesehen und gesprochen?“

„Scherita fühlte sich gestern abend gegen ½11 sehr matt. Sie sagte mir aber wie sonst gute Nacht. Sie leidet an Migräne, seit langem. Dann lasse ich sie stets so lange schlafen, wie sie will. Ich habe ja noch eine zweite Dienerin. Als Scherita aber heute um 11 Uhr noch nicht zum Vorschein gekommen war, pochte ich bei ihr an. Da ich keine Antwort erhielt, wurde ich unruhig. Ich rief Dhura Sing herbei, und er und einer der Polizeibeamten, die in den Korridoren patrouillieren, brachen die von innen verriegelte Tür auf. Scherita hing links an der Wand an einem Haken, dessen Bild herabgenommen worden war. Die Diener hoben sie dann wie gesagt herab und legten sie auf den Teppich. Der Polizist steht vor dem Zimmer als Wache.“

Sie weinte schon wieder.

„Bleiben Sie hier, Mistreß Bangsey,“ meinte Harald herzlich. „Erholen Sie sich hier etwas. Schraut und ich werden die traurige Sache nachprüfen.“

Lord Erverlyn stand gleichfalls auf.

„Oh – ich möchte dabei sein. Ich habe doch nun mal ein so glühendes Interesse für Ihren Beruf, Mr. Harst. Ich möchte gern so sehen lernen, wie Sie sehen, – eben alles – jede Kleinigkeit.“

„Ich beurlaube Sie gern, Mylord,“ meinte Frau Bangsey liebenswürdig.

Das Zimmer der Kammerfrau lag im Westflügel gegenüber dem Schlafzimmer ihrer Herrin.

Der indische Polizist stand vor der Tür, salutierte dienstlich und erklärte:

„Ich habe niemand hineingelassen, Mr. Harst.“

Die Inderin war ein sehr kleines, mageres Weibchen von etwa 45 Jahren. Sie trug Europäertracht, – weißes Leinenkleid, weißes Häubchen und weiße Schuhe. Der Strick um ihren Hals war ein gewöhnlicher Hanfstrick. Man hatte die Schlinge gelockert. Daß der Tod schon vor Stunden eingetreten war, mußte jeder Laie auf den ersten Blick erkennen.

Ich hatte die Tür hinter uns geschlossen. Erverlyn und ich blieben dicht daneben stehen und lehnten uns an die Türpfosten. Harald setzte sich daneben auf einen Schemel und ließ seine Augen bedächtig durch das Zimmer gleiten.

Es war dies ein großer, zweifenstriger Raum mit weißen, modernen Lackmöbeln. Die Wände waren mit einer geblümten, hellen Tapete bekleidet. Die Decke war aus Holz und mit einigen Schnitzereien in den Feldern der Täfelung[11] versehen. Von der Mitte der Decke hing eine dreiarmige elektrische Zugkrone herab.

Der Haken, an dem die Tote in der Schlinge gefunden worden war, stak etwa zweieinhalb Meter über dem Fußboden zwischen einem einfachen Frisiertisch und einem Schrank in der Tapete.

Erverlyn beobachtete Harald. Dessen Augen blieben jetzt auf dem Frisiertisch haften. Dieser war zierlich mit einigen Nippsachen, Kristallfläschchen und -schalen bestellt. Ein Fläschchen am rechten Rande der Tischplatte war umgefallen. Der Inhalt war bis auf den Fußboden geflossen.

Harald stand auf, kniete dort nieder, wo die Flüssigkeit auf den hellbraun gestrichenen Dielen eine kleine Lache bildete, tauchte den rechten Zeigefinger hinein, roch daran und rief mir zu, ihm ein Handtuch zu reichen.

Ich holte es von dem Handtuchständer, und er tupfte die Lache vorsichtig auf. Wir sahen nun, daß die Flüssigkeit die Farbe der Dielen stark „ausgezogen“ hatte. Es war dort also ein hellerer, scharf umgrenzter Fleck auf dem Fußboden.

Hierauf besichtigte Harald die Leiche und das dünne, weiche Hanftau.

„Ein von einer Wäscheleine abgeschnittenes Stück,“ meinte er. „Der Schnitt ist mit so geringer Kraft ausgeführt, daß nur eine Frauenhand ihn getan haben kann. Es ist ein Sägeschnitt – so recht, wie Frauen eine Leine durchschneiden.“

Er untersuchte den Knoten. „Auch dieser Knoten spricht für Frauenhände. Da – wie ungeschickt geschlungen –“

Erverlyn und ich waren näher getreten.

Harald erhob sich wieder.

„Nun, Mylord? Sie wollen ja so ein wenig mein Schüler sein. Bitte –“

Erverlyn ging an den Frisiertisch heran.

„Das arme Weib ist hier auf den Tisch gestiegen,“ sagte er. „Der Stuhl hier steht so, daß sie bequem hochklettern konnte. Dann hat sie sich hier auf den Tischrand gestellt, sich die Schlinge umgelegt und das freie Ende des Strickes, sich nach rechts biegend, über den Haken gelegt. Hierbei kann sie das Fläschchen umgestoßen haben. Sie brauchte jetzt nur vom Tische herabzuspringen, und –“

„Gut,“ nickte Harald. „Ich hätte es nicht besser machen können, Mylord.“

Es klopfte recht kräftig.

Ein Herr trat ein, den wir schon kannten: der Polizeiarzt Dr. Etampon. Frau Bangsey hatte ihn telephonisch hergerufen.

Etampon untersuchte nun seinerseits die Tote.

„Wann ist der Tod eingetreten?“ fragte Harald ihn.

„Vor zehn Stunden mindestens.“

„Es ist jetzt 12 Uhr mittags,“ erklärte Harst. „Also erhängte die Inderin sich etwa zwischen 10 und 12 Uhr gestern abend.“

„Ganz recht. – Haben Sie Verdacht, daß nicht Selbstmord vorliegt, Mr. Harst?“ meinte der Doktor.

„Nein. Nichts spricht bisher gegen die Annahme eines einwandfreien Selbstmordes. Das Zimmer war von innen verriegelt. Die Fenster sind geschlossen. Die Stabjalousien sind herabgelassen.“

„Ich kann noch meinerseits erklären,“ sagte der Polizeiarzt, „daß ich Scherita seit vier Jahren in Behandlung habe. Sie litt an Kopfkrämpfen, die zeitweise zu Wahnvorstellungen führten. Vor einem Jahr war Scherita fast reif für das Irrenhaus. Alles deutet darauf hin, daß sie sich in einem Zustande halber Unzurechnungsfähigkeit das Leben genommen hat. Ich werde den Totenschein auf Selbstmord ausstellen. Haben Sie noch einen Wunsch, Mr. Harst?“

„Nein, nichts, Mr. Etampon.“

Etampon verabschiedete sich. Wir drei waren wieder allein.

„Sie ist gar nicht schlafen gegangen,“ meinte Harald und deutete auf das unberührte Bett.

Wieder setzte er sich auf den Schemel und schaute sich um, prüfte jeden Winkel. Wir hatten die elektrische Krone eingeschaltet, und es war taghell hier.

Erverlyn hatte sich eine seiner Pechnudel-Sumatras, extraschwer, angezündet.

Die Tote lag auf einem jener hellen, zartfarbigen, künstlerischen Bastteppiche, die zumeist aus Ceylon kommen.

Harald stand nach einer Weile abermals auf und nahm von der dem Frisiertisch zugekehrten Ecke des Teppichs etwas auf, das wie ein dünner Faden aussah. Mit einem Male war dieser Faden in seiner Hand spurlos verschwunden.

„Was haben Sie da?“ wollte Erverlyn wissen.

„Nur ein Spinnwebfädchen war’s. Ich glaubte, es wäre Seide,“ entgegnete Harald. „Gehen wir. Wir haben hier nichts mehr zu tun. Die Sache ist erledigt.“

Wir traten in den Flur hinaus. Der Polizist war nicht mehr da, dafür wartete jetzt ein Diener.

„Die Mem Sahib ist im Salon,“ meldete er.

Wir gingen in den großen, schönen Saal, in dem dieses Abenteuer mit dem mißglückten Kriegsrat begann.

Frau Molly saß an demselben Ecktische auf dem Sofa und winkte uns zu.

„Nehmen Sie Platz bitte. Ich möchte noch Scheritas wegen mit Ihnen sprechen, Mr. Harst. Sie hatte mir schon vor drei Jahren so etwas wie ein Testament übergeben in einem versiegelten Umschlag, der erst nach ihrem Tode geöffnet werden sollte. Scherita war in einer Missionsanstalt erzogen und bis zu ihrem 18. Jahre Christin. Aber wie so oft kehrte sie nachher wieder zu dem Glauben ihrer Eltern zurück. Sie konnte schreiben. Sie war eine sehr strenggläubige Mohammedanerin. – Übrigens – Doktor Etampon sagte mir schon, daß die Ärmste sich in einem krankhaften Zustande das Leben genommen hat und daß Sie diese Ansicht teilen. – Hier ist nun ihr Testament. Ich hatte es in meinem Schreibtisch verwahrt. Ich möchte es in Ihrer Gegenwart, meine Herren, öffnen.“

Der Umschlag enthielt einen großen Briefbogen, der mit Tinte beschrieben war.

Frau Bangsey las vor. Die erste Seite enthielt nur Dankesworte für Frau Molly. Aus diesen Sätzen sprach eine tiefe, aufrichtige Zuneigung und große Treue.

Frau Molly weinte wieder.

Dann kamen die letztwilligen Verfügungen der Toten. Ihre Ersparnisse vermachte sie dem Hausmeister Dhura Sing.

„Sie hat ihn heimlich geliebt,“ erklärte Frau Bangsey. „Aber Dhura Sing ist Hindu und ebenso fanatisch wie es Scherita als Mohammedanerin war.“

Weiter stand in dem englisch abgefaßten Testament:

„Ich wünsche, daß meine Leiche in dem großen Koffer, den meine Herrin mir vor fünf Jahren schenkte und der in meiner Bodenstube steht, in dem Garten der Dabla Schir-Moschee beerdigt wird.“

Als Frau Bangsey dies gelesen hatte, rief sie:

„Ah – also deshalb hat Scherita den Koffer innen so schön mit Spitzen und Seide herausgeputzt. Denken Sie, meine Herren, wenn wir Reisen machten, und wir sind in Europa, Amerika und Australien mit meinem ersten Gatten gewesen, immer schleppte Scherita den Koffer mit sich.“

Sie las weiter:

„Die Unkosten sind von meinen Ersparnissen zu bezahlen. Der Koffer ist außen mit weißer Seide zu benageln. Man soll mich so beerdigen, wie ich gestorben bin, mir nicht etwa andere Kleider anziehen. In diesen Sarg, der ein Andenken an meine liebe Herrin ist, soll man mir das große Bild meiner Herrin mitgeben, das in meinem Zimmer hängt. Man lege das Bild als Kopfstütze hinein und zwar die Bildseite nach oben –“

Alles in allem war dies das Testament einer fraglos recht schrullenhaften, aber ebenso anhänglichen Person.

Frau Molly führte uns dann selbst auf die Bodenstube, wo der erwähnte Riesenkoffer stand. Es war ein Ungetüm von über anderthalb Meter Länge und 80 Zentimeter Höhe und Breite, außen mit geöltem Segeltuch bespannt, mit zwei Schlössern und vier Rollen am Boden. So unscheinbar das Ding außen wirkte: innen hatte Scherita es geschmackvoll und reich als kostbaren Sarg herausgeputzt.

Zwei Diener mußten den Koffer sofort nach unten in einen leeren Kellerraum schaffen. Die Leiche oben in den heißen Räumen zu belassen, war unmöglich.

Frau Bangsey befahl, daß dieser Keller durch Blattpflanzen und Blumen entsprechend geschmückt würde. Dhura Sing erbot sich, den Koffer sofort außen mit Seide zu benageln. –

Harald, Erverlyn und ich hatten unseren gemeinsamen Wohnsalon im Ostflügel des Schlosses aufgesucht. Dieser Tag war wohl der heißeste, den ich in Indien erlebt habe. Bis 11 Uhr vormittags war der Himmel bedeckt gewesen. Als er sich aufgeklärt hatte, drehte auch gleichzeitig der Wind nach Nord und brachte die Glutwellen aus Zentralindien herüber. Mittlerweile war es 2 Uhr geworden. Wir saßen bei fest geschlossenen Fenstern und Jalousien nur in Beinkleidern und Sporthemden in den Rohrsesseln, regten uns kaum und dösten vor uns hin. Die Ventilatoren saugten aus den tiefsten Kellern die kühle Luft ins[12] Zimmer, surrten ununterbrochen. Aber was sollte das gegenüber einer Hitze von 35 Grad im Schatten?! Was half das?! Nichts natürlich.

Der Lord raffte sich plötzlich zu ein paar Sätzen auf.

„Mr. Harst,“ sagte er sehr leise, „wenn man sich nun an Ihnen hier zu rächen sucht? Sie wissen, wen ich mit „man“ meine. Es sind zwei! Und der eine, der hier frei herumgeht, (er konnte nur Dhura Sing damit bezeichnen wollen) kann doch sehr leicht Unheil stiften: Gift – und so weiter! Die Inder sind sehr erfinderisch in Meuchelmorden.“

„Ich passe schon auf,“ erklärte Harald gähnend. „Außerdem: sie werden hier nichts wagen, weil das die Flucht des andern erschweren könnte. Nachher freilich –“

Und dann wieder Stille; wieder nur das Surren des Ventilators und draußen im Parke zuweilen das Kreischen der Affen.

Im Zimmer herrschte eine milde Dämmerung. Es war ein langgestreckter, zweifenstriger Raum. Wir saßen links von der Mitteltür in der Ecke. Rechts in der Schmalwand führte eine zweite Tür in den Vorflur unserer Schlafzimmer, die nebeneinander lagen.

Ich hatte die Augen halb geschlossen.

Mit einem Male kam mir zum Bewußtsein, daß sich da plötzlich in das Geräusch der Ventilatoren noch ein anderes einmische.

Ich begann schärfer zu lauschen.

Was war das eigentlich? Klang das nicht wie leises Weinen und Wimmern?

Ja – so klang’s! Nun wußte ich’s genau. – Aber woher drangen diese Laute zu uns – woher?

Es mußte doch ganz in der Nähe entstehen, dieses klägliche, gedämpfte Wimmern.

Ich richtete mich etwas auf. Ich sah, daß auch Harald und Erverlyn aufmerksam geworden waren.

Wir schauten uns an, sagten aber nichts.

Wir horchten. Die Schlaffheit wich. Diese Töne, die wie das jämmerliche Greinen eines kleinen Kindes klangen, hatten etwas seltsam Aufreizendes.

Erverlyn flüsterte: „Teufel, was bedeutet das?“

„Still,“ sagte Harst ganz leise.

Wir lauschten wieder.

Die Töne verstummten, kamen wieder, schwollen an, ebbten ab. Aber sie blieben, sie hörten nicht auf.

Es war unmöglich festzustellen, woher sie bis in unser Zimmer den Weg fanden.

Abermals meldete Erverlyn sich.

„Verdammt, das macht einen ja ganz verrückt!“ stieß er hervor. Er liebte die kräftigen Ausdrücke. Er war alles andere, nur kein Salon-Schablonenmensch.

Harald stand auf.

„Los – anfassen!“ sagte er und deutete auf den großen schweren Tisch, der in der Mitte des Zimmers unter der Kristallkrone stand.

Wir trugen den Tisch in die Ecke rechts von der Flurtür.

„Leise!“ mahnte Harald.

Wir horchten wieder. Das Weinen war jetzt deutlicher. Die Wimmerlaute schienen aus nächster Nähe zu kommen.

„Den kleineren Tisch auf diesen rauf,“ befahl Harald wieder.

So bauten wir aus zwei Tischen und zwei Stühlen eine Pyramide.

Nun stand er auf den Lehnen der aneinander gerückten Stühle und konnte die Decke, die auch hier mit Holzgetäfel verkleidet war, mit den Händen berühren.

 

3. Kapitel.

Er schien zu horchen.

Erverlyn und ich starrten zu ihm nach oben.

„Licht!“ befahl er wieder.

Ich schaltete den Kronleuchter ein. Zwölf elektrische Birnen glühten auf.

Harald befühlte die Leisten und Schnörkel der Umrahmungen der einzelnen Deckenfelder.

„Schließt die Türen ab,“ flüsterte er jetzt.

Erverlyn tat es. Als er sich wieder neben mich stellte, atmete er keuchend und stoßweise.

„Verflucht, Schraut, – daß einen das Wimmern eines Kindes so aufregen kann! Es ist ein ganz verwünschter Bau, diese renovierte Radschaburg. Mir könnte sie einer schenken! Ich nähm’ sie nicht –!“

„Meine Taschenlampe und Pistole,“ verlangte Harald da.

Ich mußte erst in sein Schlafzimmer hinüber und den Koffer aufschließen. Die Schlüssel hatte ich bei mir. Als ich in das Zimmer zurückkehrte, waren kaum zwei Minuten verstrichen.

Aber – es war leer.

Ich schaute mich um. Die Kristallkrone brannte noch; die Pyramide stand an derselben Stelle. Nichts war verändert – nichts.

Nur –: Erverlyn und Harald waren verschwunden!

Ich überlegte. Ich hatte die Tür hinter mir wieder abgeschlossen.

Ich kletterte auf den großen Tisch, auf den kleinen Tisch, auf die Stühle. Ich bin einen Kopf kleiner als Harst. Ich langte mit den Händen knapp bis zur Decke hinauf.

Da – urplötzlich erlosch der Kronleuchter. Ich schrak zusammen. Dann wurde ich schon gepackt, hochgerissen, – ein Tuch fiel mir über den Kopf, der widerliche Geruch von Äther drang mir in die Nase.

Ein Schlag gegen den Hinterkopf beschleunigte meine Betäubung. –

Alles, was ich als Freund Haralds bisher mit diesem zusammen erlebt hatte, war ein Nichts gegenüber dem, was wir im Schlosse der Bangseys durchmachten. Ich habe mich stets bemüht, in diesen Niederschriften unserer Abenteuer – ich gebrauche das Wort ungern, denn es trifft nicht voll den Sinn – alles das zu vermeiden, was diesen Erinnerungen den Stempel der Effekthascherei, des Sensationellen, aufdrücken könnte. Ich habe vieles sogar abgeschwächt und gemildert.

Hier bei dem Problem „Der leere Koffer“ brauche ich an dieser Stelle nichts abzuschwächen. Die Tatsachen sind weder blutig noch schauerlich. Aber sie sind – entsetzlich in ihrer unfaßbaren Seltsamkeit, sind wie jene Truggebilde, die der irrsinnige Ingenieur in Kiplings Geschichte sah. –

Ich kam zu mir.

Nein – das ist nicht ganz richtig. Ich kam nicht zu mir.

Es war so, als hätte ich meinen Korbsessel in unserem verdunkelten Zimmer nie verlassen, als hätte ich nur eine Weile im Sitzen geschlafen.

Ich regte mich, schlug die Augen auf. Ein stechender Schmerz im Hinterkopf, ein Sausen in den Ohren riefen mir die letzten Geschehnisse blitzschnell ins Gedächtnis zurück.

Ich war wach, ich hatte die Augen auf. Ganz bestimmt hatte ich sie auf.

Und doch: um mich her war jetzt Nacht – völlige Nacht. Schwärzeste Finsternis lagerte um mich her.

Aber – ich saß doch im Korbsessel! Ich hörte doch das Surren des Ventilators und das Kreischen des vergnügten Affenvölkchens draußen.

Mehr noch: in der Luft lag noch der süßliche Duft der Mirakulum-Zigaretten Harsts und außerdem der Geruch des Lieblingsparfüms Lord Erverlyns.

Hatte ich denn so lange geschlafen, daß es inzwischen Nacht geworden war? Hatte ich nur Kopfschmerzen und all das geträumt: daß wir die Pyramide gebaut hatten, daß Harald hinaufgeklettert war, daß ich von Leuten, die ich nicht sehen konnte, betäubt wurde?!

Da – neben mir knarrte ein Korbsessel. Dort hatte Erverlyn gesessen.

Jetzt auch seine so seltsam matte Stimme:

„Was – was ist eigentlich los?! Bin ich hier allein? Wo bin ich?“

Harald antwortete, und auch ihm kamen die Worte so träge und fremdklingend über die Zunge:

„Sie haben doch recht gehabt, Erverlyn. Die beiden haben sich doch ihre Rache zu verschaffen gewußt –“

„Harald – sind wir denn noch in unserem Zimmer?“ fragte ich stockend.

„Ja, mein lieber Alter –“

„Und – und es ist inzwischen Nacht geworden?“

„Nur – nur für uns –“

Schweigen.

Ich sann über diese Antwort nach.

„Nur für uns!“ – Was hieß das – was hieß das?!

Da – Erverlyn brüllte es heraus, nein, er wollte es nur mit aller Kraft der Lungen schreien, aber die Stimme schnappte über.

„Blind – Harst, – blind?!“

Wieder Schweigen.

Eiseskälte kroch mir über den Leib.

„Blind gemacht – geblendet,“ kam Harsts Stimme wieder wie aus weiter Ferne. „Und ich – ich bin schuld daran, ich habe Euch beide mit hineingerissen in diesen Abgrund der Verzweiflung. Wie soll ich das je wieder gutmachen –“

Ein lautes Pochen an der Tür.

Ich wurde mir bewußt, daß ja noch eine Außenwelt existierte, daß wir Gäste Molly Bangseys in der alten Radschaburg waren, daß nicht nur dieses Zimmer die Welt war und wir – wir drei Blinden die Bewohner.

„Herein!“ rief Harst.

Ich hörte das Öffnen und Schließen der Tür, dann eines der indischen Diener Stimme:

„Die Mem Sahib läßt zum Diner bitten –“

Diner?! Diner?! – Ja – das gab es ja auch noch! Noch gestern hatten wir unten im Speisesaal gesessen und die Kochkunst des Parsen gelobt, – des Parsen Schira Khan, des stillen, ernsten Menschen, der so große, braune Augen hatte.

Diner! Zum Diner kommen! Es war also fünf Uhr nachmittags jetzt.

„Sage der Herrin,“ erklärte Harald, „daß wir uns entschuldigen ließen. Wir sind leider verhindert, an dem Diner teilzunehmen. Bitte die Mem Sahib, sie möchte zu uns heraufkommen. Wir hätten ihr etwas mitzuteilen. Dann telephoniere nach der Polizeidirektion. Inspektor Mofler und Doktor Etampon sollen umgehend sich hier einfinden. Ich lasse dringend darum bitten.“

Und – Frau Molly kam. Klopfte an, trat ein.

Ich will die folgende Szene nicht beschreiben. Die Nerven dieser armen Frau waren überanstrengt, waren nicht mehr widerstandsfähig.

Ich sah sie nicht. Ich sah ja überhaupt nichts mehr.

Als Harald ihr kurz mitgeteilt hatte, was geschehen war, vernahm ich einen gellenden Aufschrei und einen dumpfen Fall.

Ich hörte weiter, wie Harald sich zu der Ohnmächtigen hintastete. –

Erverlyn war ganz still. Ich streckte den Arm nach rechts aus. Ich fühlte, wie er zusammengesunken in dem Korbsessel lehnte, rüttelte ihn.

Auch er hatte das Bewußtsein verloren.

„Frau Bangsey hat sich hoffentlich nicht verletzt,“ hörte ich Harald nun sagen. Seine Stimme war wieder ganz fremd. So ohne Kraft, so greisenhaft, so hoffnungslos.

„Was ist mit Erverlyn, mein Alter?“ fragte er nach einer Weile.

„Ohnmächtig.“ – In meiner Kehle würgte ein Schluchzen. Urplötzlich übermannte mich der ganze Jammer des Geschehenen.

„Blind – blind!“ brüllte ich. Und meine Stimme hatte Kraft. „Blind – mein Gott – nichts mehr sehen!“

Ich fühlte einen Arm um meinen Nacken, fühlte warmen Atem über mein rechtes Ohr streichen.

„Mein armer – armer Alter!“

Unsere Hände fanden sich.

„Vielleicht ist noch Rettung – Hilfe möglich,“ sagte Harald leise. Aber das klang, als ob er sagte: „Ich will ja nur trösten und glaube nicht daran –“

„Ich habe Frau Bangsey auf den Diwan gelegt. Sie wird schon wieder zu sich kommen,“ meinte er dann. Unsere Hände hielten sich noch umklammert. „Allan Bangsey hat die teuflischste Rache gewählt, die es nur geben kann,“ flüsterte er weiter. „Vielleicht – vielleicht Zerstörung des Sehnervs durch elektrischen Strom. Ich habe so gar keine Schmerzen in den Augen –“

Erverlyn regte sich neben uns. –

Genug von dem Jammer dieser Stunde.

Mofler und der Arzt kamen. Inzwischen hatte sich im ganzen Schlosse wie ein Lauffeuer die Nachricht von dem Geschehenen verbreitet. Frau Molly war längst erwacht. Wir hörten ihre scheltende Stimme draußen im Flur, wie sie die Neugierigen fortjagte.

Mofler und Etampon zeigten sich von der mitfühlendsten Seite. Etampon untersuchte uns flüchtig.

„Die Hornhaut ist vollständig grauschwarz,“ sagte er offen. „Ich habe etwas derartiges noch nie beobachtet. Ich bin nicht Spezialist. Aber der Leibarzt des Maharadschas (Fürsten von Maissur) Doktor Elkan ist auch als Augenarzt eine Berühmtheit –“

Er ging, um nach dem Schlosse des Maharadschas zu telephonieren.

Harst berichtete Mofler, was vorgefallen war. Nur er konnte in dieser Lage, mit dem Bewußtsein, geblendet worden zu sein, so klar-überlegt sprechen.

„Das Wimmern des Kindes ist fraglos nachgeahmt worden. Wir sollten aufmerksam und neugierig, aber nicht argwöhnisch werden. Als Schraut hinausgegangen war, wurde es plötzlich dunkel. Der Kronleuchter erlosch. Man riß mich hoch, betäubte mich durch Äther. Alles ging so schnell, daß ich gar nicht recht wußte, was geschah. Nachher fand ich mich in meinem Sessel wieder.“

Erverlyn ergänzte diese Schilderung dahin, daß er durch das plötzliche Versagen der Beleuchtung nicht habe sehen können, was oben unter der Decke sich abspielte. Er hörte Geräusche, und dann flammte das Licht weder auf. Da kletterte er denn selbst schnell nach oben, in dem blinden Eifer, Harst irgendwie zu helfen. Und da geschah mit ihm genau dasselbe.

Mofler erklärte nun:

„Die Tische und Stühle stehen an ihrer alten Stelle. Von der Pyramide ist also nichts mehr vorhanden. Die Schufte haben hier eben wieder alles in Ordnung gebracht. – Lieber Mr. Harst, – wer mögen nun diese Attentäter gewesen sein? Haben Sie einen Verdacht?“

„Nein. Und Schraut und Erverlyn können sich auch nicht erklären, wer hier in Frage kommen kann. Ich halte an meiner Überzeugung fest, daß Bangsey nicht mehr im Schlosse und auch nicht mehr in Bangalore weilt.“ Er sprach das sehr laut und bestimmt.

Ich merkte sofort: es war dies ein Wink für uns, Mofler nicht etwa mitzuteilen, was er – Harald – wußte: daß Bangsey noch im Schlosse steckte und von Dhura Sing verpflegt wurde.

Erverlyn hatte ebenfalls diese Sätze Harsts richtig aufgefaßt. Er schwieg. –

Frau Bangsey erschien wieder. Sie sagte leise:

„Ich bin’s, meine Herren.“ Dann flüsterte sie mit Mofler.

„Mr. Harst, ich habe vier Beamte herbeirufen lassen,“ meinte der Inspektor. „Wir werden die Decke dort in der Ecke untersuchen.“

Wir vernahmen Sprechen, das Scharren einer Trittleiter, die man weiterschiebt. Dann Beilhiebe. Splittern von Holz.

Die Beamten hatten die Deckentäfelung zertrümmern müssen. Mofler berichtete uns dann, was man dort oben gefunden: einen kleinen Raum, der das Innere eines nur scheinbar ausgemauerten Wandpfeilers der oberen Etage war. In Wirklichkeit hatte gerade dieser Pfeiler nur aus Holz bestanden. In der Wand wieder hatte sich eine enge Treppe nach unten in das Erdgeschoß hinabgezogen und hier im Billardzimmer hinter dem Getäfel der Flurtür ein Ende gehabt. Das Getäfel enthielt die übliche Geheimtür.

„Ein Fuchsbau, der in die Luft gesprengt zu werden verdient,“ murmelte Mofler ingrimmig. „Ich habe auch schon festgestellt,“ sagte er lauter, „daß nach Aufhebung der polizeilichen Überwachung heute mittag eine Menge Bekannte der Dienerschaft sich dies zunutze gemacht und ihre Freunde besucht haben. Dhura Sing war wütend darüber. Unter all diesen können sich sehr wohl die von Bangsey bestochenen Halunken befunden haben.“ –

Doktor Elkan, der Leibarzt, erschien nun auch, hatte gleich seine Instrumente mitgebracht.

Wieder wurden unsere Augen untersucht. Auch der Leibarzt hatte eine derartige Verfärbung der Hornhaut noch nie gesehen. Er war ratlos. Seinen gelehrten Phrasen merkte man das an.

„Nach Bombay in die Universitäts-Augenklinik,“ entschied er. „Möglichst sofort, meine Herren. Um elf Uhr geht ein Schnellzug. Ich werde für Sie ein Abteil reservieren lassen –“

 

4. Kapitel.

Frau Molly überredete uns, etwas zu essen. Man brachte allerlei Speisen zu uns ins Zimmer, setzte uns um den großen Tisch herum. Die Diener schlichen bedrückt umher. Dhura Sing, der Schuft, heuchelte vortrefflich das tiefste Mitleid, tröstete und – verschwand bald wieder.

Frau Molly fütterte Harald, saß neben ihm. Erverlyn hatte Mofler an seiner Seite. Mir half der Koch, der Parse Schira Khan, der hier im Hause neben dem Hausmeister und Kammerfrau eine Ausnahmestellung einnahm.

Schira Khan drängte bescheiden mir stets neue Bissen auf. Besprochen wurde fast nichts, nur geflüstert – stets dasselbe: „Bitte – essen Sie doch. Sie müssen sich doch frisch erhalten. Die Reise nach Bombay –“

Der Parse stand hinter mir.

Da – mit einem Male, als gerade Frau Molly zu Harst sagte, daß man uns in der Augenklinik in Bombay ganz bestimmt helfen würde, da vernahm ich des Parsen Stimme wie einen Hauch nur:

„Mut, Sahib, Mut! Ihr werdet sehen!“

Und wieder nach Sekunden:

„Sorge, daß Ihr nachher in den Park geführt werdet, Sahib, daß man Euch allein läßt, daß ich Euch etwas bringen muß – Eislimonade – sonst etwas. Mut! Ihr werdet sehen! Es ist nur der Saft der Prawata-Fliege, Sahib. – Aber schweige –“ –

Hoffnung – Hoffnung! Köstliches Geschenk einer weisen Allmacht! – Nie erlischst Du – nie! Und wie schnell flackerst Du auf, erfüllst die Seele mit trostreicher Wärme.

Nur ein armseliger Parse hatte mir die Sätze zugehaucht. Und doch: die Hoffnung flammte hoch wie der Brand knisternder Fackeln, die im Moment auflohen.

In den Park! – Ich verstand Schira Khan! Hier im Hause konnten wir belauscht werden. –

Ich erreichte es, daß ich Harald nachher einen Moment allein sprach.

„Prawata-Fliege?“ fragte er schnell, als ich auch den Namen erwähnte. „Ah – also das – das!“

Ich konnte nicht länger mit ihm flüstern. Es wäre aufgefallen. Und Dhura Sing konnte in der Nähe sein. Konnte! Ich sah ja nichts. –

Harald wollte ins Freie.

„Ich brauche frische Luft. Mofler, führen Sie mich in den Park –“

Es gelang, wie ich es gewollt hatte. Erverlyn blieb oben im Zimmer. Er war völlig gebrochen.

Mofler mußte Harald dann Zigaretten holen, als wir an der alten Stelle vor der Tennislaube saßen.

Kaum war er weg, erschien der Parse mit einem Tablett. Wir waren allein mit ihm.

„Ich bringe Eislimonade,“ hörten wir ihn sagen. Das Tablett wurde auf ein Tischchen gestellt. Die Gläser klapperten.

„Sahib Harst,“ flüsterte Schira Khan hastig, „Ihr seid durch den Saft der Prawata-Fliege geblendet worden. Eure Augen sind sofort zu heilen. Hier – ich werde Dir das Glas reichen, nimm zugleich das Fläschchen. Hinten im Parke an dem Bache wächst der Dschinna-Pilz –“

„Ich weiß. Ich danke Dir, Schira Khan. Geh’, damit alles gelingt –“

Ich saß da mit jagendem Herzen. Die Hoffnung – die Hoffnung! Wie ruhig Harald gesagt hatte: „Ich weiß –“

Ich hörte des Parsen entschwindende Schritte. Dann:

„Wir werden Gericht halten, lieber Alter!“ Oh – wie wohl das tat! Gericht halten!

„Wir werden wieder sehen – zu viel sehen für die, die uns nun endgültig ausgeschaltet zu haben glaubten. Über die Prawata und den Giftpilz nachher. Ich werde Mofler jetzt in alles einweihen. Er soll uns in der Tennislaube hinter uns den Saft einträufeln. – Ich höre Schritte. – Mofler, sind Sie’s?“

„Ja – hier ist Ihr Zigarettenetui, lieber Harst. – So – hier ist auch Feuer –“

„Setzen Sie sich, Mofler –“

Harald erzählte; daß Bangsey noch im Schlosse verborgen sei, daß Dhura Sing und Bangsey uns geblendet hätten.

Dann brachte Mofler uns in die Laube. Es war ein Pavillon aus Holz, von Schlingpflanzen umrankt.

„Zuerst Schraut,“ sagte Harald. „Keinen Widerspruch, mein Alter –“

Ich bog den Kopf zurück. Mofler schob mir erst am rechten Auge die Lider auseinander. Ich fühlte, wie ein Tropfen auf die Pupille fiel – noch einer – noch einer. Es brannte. Ich kniff das Auge zu. – Und das andere kam heran. Derselbe brennende Schmerz. Nach Sekunden ein überreicher Tränenerguß.

Und – als ich die Lider nach einer[13] Weile auftat, da sah ich wie durch dichten Nebel vor mir eine Gestalt: Mofler. –

Nach einer Viertelstunde ein zweites Augenbad mit dem Safte des bekannten Giftpilzes, des farbenprächtigsten, den es überhaupt gibt.

Die Trübung der Hornhaut war danach fast völlig beseitigt. Ein drittes Bad nahm auch den letzten grauen Schimmer von den Augen.

Harald warnte: „Wir sind weiter blind! Vergiß das nicht!“

Noch nie ist es mir so schwer gefallen, Komödie zu spielen wie damals. Alles in mir jubelte: „Geheilt – gerettet – Du kannst wieder sehen!“ –

Mofler führte uns in das Schloß zurück. Es war jetzt ½9.

In unserem Wohnsalon – wir hielten die Augen fest zugekniffen – saß Lord Erverlyn mit Frau Molly und Polizeidirektor Chester.

Chester konnte sich gar nicht genug tun mit Worten ehrlichen Mitempfindens. Daß sie ehrlich gemeint waren, merkte man. Er drückte uns die Hände, er tröstete, er erzählte von Erblindungsfällen, die geheilt wären.

„Wir haben mit einem Male sehr starke Schmerzen in den Augen bekommen,“ sagte Harald dann. – Dhura Sing war im Zimmer und sprach mit Frau Molly über die Überführung der Leiche Scheritas nach der Moschee.

„Haben Sie auch Schmerzen, Mylord? Wir können die Augen gar nicht mehr offenhalten,“ fügte er hinzu.

„Nein,“ entgegnete Erverlyn matt. –

Wir hatten mit Mofler alles genau vereinbart, was weiter geschehen sollte. Jetzt entfernten sich Frau Molly und Dhura Sing. Die Leiche sollte nach einer halben Stunde fortgeschafft werden, und Frau Molly wollte von Scherita Abschied nehmen, bevor der Koffersarg geschlossen wurde.

Mofler ging hinter den beiden her, unter dem Vorwand, den merkwürdigen Sarg sich ebenfalls ansehen zu wollen. In Wahrheit sollte er nur Dhura Sing beobachten.

So blieben wir drei Geblendeten mit Chester allein zurück. Chester stierte Harst wie einen bösen Geist an, als er sich plötzlich erhob, auf die Tür zuging und sie verriegelte. Dasselbe tat er mit der zweiten Tür.

Dann nahm er schnell das Fläschchen vor. –

Erverlyns Gesicht veränderte sich vollständig, als Harald flüsternd die notwendigsten Erklärungen abgab. –

Chester mußte dann des Lords Augen weiter behandeln. Wir gingen in unsere Schlafzimmer hinüber, schlossen uns ein und waren in kaum zehn Minuten „im Kostüm“ – waren zwei braune Inder der ärmeren Volksschichten, bärtig, schmierig, – durchaus echt wirkend.

Es klopfte. – Mofler meldete sich. Wir ließen ihn ein.

„Dhura Sing ist im Keller bei der Leiche,“ meldete er. „Was beabsichtigen Sie nun eigentlich, Mr. Harst?“

„Das werden Sie schon mit erleben, Mofler. Telephonieren Sie nach einigen zehn Beamten, die an der Parkpforte sofort sich einfinden sollen. Schraut und ich, so erzählen Sie Frau Molly, hätten uns etwas niedergelegt, um auszuruhen. Erzählen Sie es so, daß die Diener es hören. Dann kommen Sie wieder her und verschaffen Sie uns eine Gelegenheit, unbemerkt aus dem Schlosse zu gelangen. Erverlyn weiß, daß er den Blinden ebenfalls noch weiterspielen muß. Auch Chester ist orientiert.“

„Aber – aber wozu das alles, bester Harst? Lassen Sie mich doch nicht im Unklaren! Ich –“

„Fragen Sie Freund Schraut,“ unterbrach Harst ihn gutgelaunt.

„Ich?!“ wehrte ich ab. „Mr. Mofler, ich bin genau so ahnungslos wie Sie. Ich kann mir nur denken, daß es jetzt Bangsey an den Kragen geht –“

„Verschwinden Sie, Mofler,“ drängte Harald. „Wir haben keine Zeit zu verlieren –“

Nach abermals zehn Minuten kehrte der Inspektor zurück und brachte uns über eine Hintertreppe in den Park. Es dunkelte bereits.

Es mußte in der Umgegend des Schlosses schon bekannt geworden sein, daß die Leiche der Selbstmörderin jetzt sehr bald nach der Moschee gefahren werden sollte. Vor dem Tore hatten sich Neugierige angesammelt, sämtlich Eingeborene und zumeist Dienerschaft hier aus dem Europäerviertel.

Wir machten in einem Gebüsch dicht am Tore halt.

„So, hier warten wir,“ meinte Harald. „Und dort, wo die Bogenlampe die Szene so hell bescheint, wird sich der Schlußakt abspielen. – Allan Bangsey, Deine Stunde ist da!“

In diesem Augenblick ging mir ein Licht auf.

„Harald, Du nimmst an, daß Bangsey sich verkleidet unter die Dienerschaft und die Bekannten der Toten, die den Sarg begleiten, mischen und so hinausgelangen wird,“ flüsterte ich ziemlich siegesgewiß. Meiner Ansicht nach konnte es ja nur so sein.

„Hm – vielleicht!“ war die für mich wenig erfreuliche Antwort. „Du stellst Dir diesen Bangsey noch immer zu sehr als Durchschnittsverbrecher vor,“ fügte er hinzu und setzte sich bequemer auf den kurz geschorenen Rasen. „Der Mann weiß, daß er aufgeknüpft wird, wenn die Polizei ihn fängt. Er wird daher bis zuletzt außerordentlich vorsichtig sein.“

„Na ja, – aber zuerst hattest Du doch einen ganz anderen Plan, ihn zu fangen. Besinne Dich: wir sollten nach dem „Krach“ mit Chester abreisen und –“

„Schon gut, lieber Alter. Dieser erste Plan wurde durch den Mord umgestoßen.“

„Mord?!“

„Ja – den Mord an der treuen Scherita. Warst Du wirklich so naiv, diesen Selbstmord für echt hinzunehmen? Ich bitte Dich! Schon Frau Mollys Angaben, daß Scherita gegen ½11 abends der Migräne wegen ihr Zimmer aufgesucht hätte, machten den Selbstmord sehr unwahrscheinlich. Stelle Dir vor: die Kammerfrau ist nachweislich zwischen 10 und 12 Uhr abends gestorben. Um ½11 sagt sie ihrer Herrin, die sie über alles liebt, gute Nacht – wie gewöhnlich, nicht etwa herzlicher als sonst, was auf bereits bestehende Selbstmordgedanken hingedeutet hätte. Und kurze Zeit darauf erhängt sie sich! – Daß mußte mir auffallen. Denn daß Scherita infolge der Kopfkrämpfe oft so etwas geistig gestört erscheinen soll, erfuhr ich ja erst später von Doktor Etampon. Ich bemerkte –“

„Einen Einwand, Harald,“ fiel ich ihm ins Wort. „Es war aber der Polizeiarzt, der erklärte, daß Scherita zwischen 10 und 12 gestorben sei. Und soeben stelltest Du das als Deine eigene Wissenschaft hin.“

„Lieber Alter, ich war bekanntlich früher Jurist und habe mich viel mit juristischer Medizin beschäftigt. Wie lange jemand bereits tot ist, vermag auch ich mit derselben Sicherheit anzugeben. Meine Frage an Etampon nach der Todeszeit war eine Höflichkeitsfrage. Sie gehörte eben mit zur Sache. – Ich wollte also darauf hinweisen, daß ich sehr bald am Tatorte bemerkte, daß dieser Selbstmord nur vorgetäuscht war. Ein weiteres Verdachtsmoment war der Hanfstrick. Ich sprach Euch beiden gegenüber von dem „Sägeschnitt“, mit dem das Stück Leine von der übrigen Wäscheleine abgetrennt worden war. Hättest Du Dir diese ganz frische Schnittfläche angesehen, dann würdest Du sofort erkannt haben, daß ich log. Das gerade Gegenteil war nämlich der Fall – genau wie mit dem Knoten: die Schnittfläche war glatt. Der Schnitt war mit großer Kraft ausgeführt. Die schwächliche Scherita konnte ihn nie getan haben! Ebenso der von mir bespöttelte Knoten: es war ein Knoten, wie ihn nur Männer machen, die häufiger mit derlei sich beschäftigen, das heißt, Strickenden verbinden. Es war eine Doppelschlinge, die sich nie von selbst löst.“

„Hm – all das sind keine Beweise,“ meinte ich hartnäckig.

„Ein weiteres Beweisglied,“ fuhr Harald fort, „ist das umgestoßene Fläschchen. Es enthielt ein parfümiertes Mundwasser, und zwar war es reiner Alkohol. So was Ähnliches wie Odol. Hätte einer der Diener das Fläschchen umgestoßen, die Scherita vom Haken heruntergehoben, dann würde er die Flüssigkeit fraglos schnell vom Fußboden und Tisch abgetupft und das Fläschchen aufgerichtet haben. So aber, weil die Diener das umgestoßene Flacon vorfanden, ließen sie alles unberührt. – Mundwasser also, parfümierter Alkohol! Und doch dem Anschein nach ausgeflossen, als Scherita auf den Frisiertisch stieg und den Kopf in die Schlinge steckte! – Wenn dem so wäre, wenn zwischen 10 und 12 Uhr gestern nacht dieses Fläschchen einen Teil seines Inhalts verloren gehabt hätte, eben als die Selbstmörderin es umstieß, dann – dann, mein Alter, wäre bei dieser Hitze hier in Indien die Lache auf dem Fußboden längst verdunstet gewesen, ebenso die Feuchtigkeit auf der Tischplatte. – Sieh’ mal, ich könnte dieses Thema „ausgegossenes Mundwasser“ noch bis zur Unendlichkeit ausspinnen. Ein Detektivschüler könnte viel lernen daran. Was ich annehme, das werde ich nachher den Schuldigen ins Gesicht sagen! Dann wirst Du den Rest erfahren. – Übrigens versammeln sich da links am Ende der Allee vor der Schloßtreppe schon einige Diener. Es scheint, man wird den Koffersarg sofort herausbringen. – Ah – da fährt ja auch der Wagen vom Wirtschaftshof aus vor, auf den der Sarg verladen werden soll –“

Vor dem Schlosse waren jetzt ebenfalls die Bogenlampen aufgeflammt.

Der Wagen war ein gewöhnlicher Tafelwagen, aber ganz mit gelbem Stoff behängt, der bis auf die Achsen herabreichte. Blumengewinde schmückten ihn überreich.

Bespannt war er mit zwei schwarzen Ponys, die ebenfalls gelbe Decken und Blumenschmuck trugen. Nebenher ging Dhura Sing, der Hausmeister, der glückliche Erbe der Verstorbenen. Er hatte die Leine der Pferde in der Hand.

Wir konnten aus unserem Versteck alles ganz genau überblicken. – Auf der Treppe tauchten jetzt auch Frau Molly, Mofler, Chester und der Lord auf. Der Polizeidirektor hatte Erverlyn untergehakt.

Dann erschienen vier Diener mit dem unter Blumen völlig verschwindenden Koffersarge, stellten ihn auf den Wagen.

Hinter dem Wagen ordnete sich die beurlaubte Dienerschaft, die der Toten bis zur Moschee im Eingeborenenviertel das Geleit geben wollte. Dicht hinter dem Sarge ging Frau Molly mit Mofler[14]. Erverlyn und Chester schritten als letzte daher.

So kam der Zug die Allee entlang dem Parktore zu. Der Torwächter hatte die schmiedeeisernen Flügel geöffnet. Die Neugierigen draußen drängten näher.

„Es wird Zeit,“ sagte Harst.

Er schlüpfte mir voran dem Tore zu, trat nun in das grelle Licht der Bogenlampe, blieb mitten im Wege stehen. Ich stellte mich neben ihn.

Der Torwächter rannte auf uns zu.

„Macht Platz – raus mit Euch!“

Er hielt uns für Neugierige, für Inder, für besonders zudringliche Burschen.

„Schweig!“ raunte ihm Harald zu. Der Mann stutzte, brummte etwas und trat zur Seite.

 

5. Kapitel.

Der Wagen war nur noch sechs Schritt entfernt. Dhura Sing mit der Leine ging sehr würdevoll links neben den Ponys.

Er dachte wohl, wir frechen Gesellen würden von selbst ausweichen.

Mit einem Mal packte Harald die Ponys bei den Zügeln und rief:

„Mofler – Ihre Leute her! Den Wagen umstellen!“

Der Inspektor zog die Trillerpfeife.

Der schrille Ton war kaum verhallt, als vom Tore her zwölf Beamte herbeistürmten.

Dhura Sing stierte Harald wild an. Seine Augen traten förmlich aus dem Kopfe heraus.

„Packt ihn!“ befahl Harst den Polizisten. „Handschellen an! – Mofler, Sie gestatten, daß ich hier die Sache leite –“

Der Wagen war jetzt von einem dichten Kreise von Menschen umschlossen.

Dhura Sing wehrte sich nicht. Die Handschellen schnappten zu.

Frau Mollys Stimme übertönte jetzt das Geraune der Neugierigen:

„Mr. Harst – Mr. Harst, – Sie sind nicht mehr blind! O mein Gott, die Freude!“

Harald nickte ihr nur zu.

„Öffnet den Koffersarg,“ befahl er den Beamten. „Nicht Scherita dürfte darin sein, sondern – Allan Bangsey!“

Zwei Polizisten kletterten auf den Wagen.

Unter atemlosester Spannung der immer mehr anwachsenden Menge wollten die Beamten die beiden Schlösser aufsprengen. Der Name „Harst“ flog von Mund zu Munde. Es waren ja alles Bediente der Europäer des „weißen“ Viertels, die sich hier eingefunden hatten, und die gehörten somit zu den belesenen Indern. Haralds Name aber war oft genug wochenlang in indischen Zeitungen gesperrt gedruckt von besonderer Anziehungskraft gewesen.

„Dhura Sing hat den Kofferschlüssel,“ rief plötzlich einer der Diener Frau Mollys. „Er war zuletzt in dem Keller, wo die Leiche stand –“

Man fand den Schlüssel bei dem Hausmeister.

Dann flog der Deckel hoch.

„Leer!“ brüllten die beiden Beamten auf dem geschmückten Wagen. „Leer, Mr. Harst!“

Harald stand schon oben. Ich kletterte hinterdrein.

Wir schauten in den seide- und spitzengeschmückten Koffer. Da rechts lehnte das Bild Frau Mollys. Auf dem Boden lag eine gestickte, indische Decke; Blumen waren darüber gestreut.

Von der Leiche oder gar von Allan Bangsey keine Spur.

Ich sah es Harald an, daß diese Entdeckung ihn selbst aufs höchste überraschte. Mein Blick flog zu Chester hinüber. Der Polizeidirektor lächelte ironisch; er hatte den Kriegsrat doch noch nicht vergessen.

Harald stand eine ganze Weile regungslos.

Daß unter der Decke am Boden des Koffers kein Mensch verborgen sein konnte, war sofort ersichtlich.

Die Menge drängte näher heran. Wagen und Pferde waren wie von einer Mauer umgeben. Stille herrschte. Alles schaute auf Harst. Man erwartete von ihm, daß er sprechen würde; man erwartete noch größere Sensationen.

Harald wandte sich Dhura Sing zu, der mit gefesselten Händen gleichgültig zu uns emporstarrte. Er hatte sich jetzt wieder gefaßt, dieser geriebene Schurke, in seinen Augen glitzerte sogar etwas wie höhnischer Triumph.

„Dhura Sing, wo hast Du die Leiche gelassen?“ fragte Harald laut.

„Ich nahm sie nicht fort, Sahib? Wozu wohl? – Ich habe nichts Schlechtes getan. Ich bin ein guter Diener meiner Herrin!“

„Mofler!“ rief Harst da dem Inspektor zu. „Sorgen Sie, daß der Wagen aufs strengste bewacht wird. Mag er hier stehen bleiben –“

Er sprang herab. „Mr. Chester, Lord Erverlyn, – begleiten Sie uns bitte –“

Wir gingen in das Schloß zurück, gingen nach oben in Scheritas Zimmer. Harald schaltete das Licht ein.

„Der Selbstmord ist ein Mord,“ sagte er kurz. „Die Mörder sind durch eine ähnliche Öffnung in der Decke hier eingedrungen, wie es die ist, zu der wir mit Hilfe der Pyramide emporstiegen. An dieser Stelle des Bastteppichs fand ich einen langen, verstaubten Spinnwebfaden. Und dieser Spinnwebfaden mußte von oben, von der Decke, herabgefallen sein, konnte aber erst kurze Zeit auf dem Teppich liegen, sonst wäre er bei der Zimmerreinigung weggefegt worden. Neben diesem Spinnwebfaden aber bemerkte ich auf dem Teppich noch den grauem kleinen Kokon irgend eines Falters. Auch dieser Kokon, dieses Nestlein für die junge Brut mußte mit demselben Spinnwebfaden von der Decke herabgefallen sein, aber – der Kokon fraglos aus einer Ritze, einer Spalte. So, meine Herren, fand ich in Gedanken den Weg, den die Mörder benutzt hatten, um in dieses verschlossene Zimmer zu gelangen. – Der Mord selbst ist so geschehen: von oben aus der Deckenöffnung wurde Scherita eine andere Schlinge um den Hals geworfen, als sie unter dem Loche stand. Dann rissen die Mörder sie hoch. Scherita starb jedenfalls nicht durch die Schlinge, die sie um den Hals hatte, als man die Tür hier aufsprengte. Den anderen Strick haben die Männer ihr nachher umgelegt. Er ist nämlich für die Strangulationsmarke, den Eindruck in der Haut des Halses, zu dick. – Ich will diese Erklärungen nicht zu lange ausdehnen. Jedenfalls: Scherita starb, mußte sterben, weil Dhura Sing und Bangsey[15] beabsichtigten, letzteren mit Hilfe des Sarges aus dem Schlosse zu schaffen.“

Chester schüttelte den Kopf. „Sehr schön. – Der Sarg ist aber jetzt leer, Mr. Harst.“

„Ganz recht. Er ist leer, weil die Schurken eben an alle Möglichkeiten gedacht haben. – So, nun können wir in den Keller gehen, wo die Leiche aufgebahrt war.“

Hier standen noch die Blumenkübel und auch die Böcke, auf denen der Koffersarg geruht hatte. Harald brauchte nicht lange zu suchen. Er war auf das Auffinden von verborgenen Zugängen sozusagen „eingestellt“. Unter einem der kleinen Fenster des Kellerraumes gab es eine Geheimtür in der Mauer. Schon als Harst sie aufdrückte, strömte uns Verwesungsgeruch entgegen. Dicht hinter der Tür lag die Tote.

„So – nun wollen wir auch Allan Bangsey suchen,“ erklärte Harald darauf. – Wir schritten eilig über Treppen und Gänge – zum Schlosse hinaus, die Allee entlang, auf den Leichenwagen zu.

Als wir uns näherten, wurde die Menge unruhig.

„Nun?!“ rief Mofler gespannt.

„Es war nur die Einleitung,“ meinte Harst. „Wo sind die vier Diener, die den Koffersarg trugen?“

Die Leute traten vor.

„War der Koffersarg, als Ihr ihn auf den Wagen stelltet, so schwer, als ob ein Mensch, eine Leiche, darin sei?“ fragte er sie.

Sie bejahten eifrigst.

„Jetzt ist derselbe Koffersarg leer, enthält nichts als ein Bild, Blumen und eine Decke,“ fuhr Harald lauter fort. „Wo blieb also der Inhalt, der ihm das Gewicht gab?“

Er schaute Dhura Sing dabei an. Der Hausmeister schaute zu Boden. Es ging wie ein Zittern über seine Gestalt hin.

„Hebt den Koffer herunter!“ befahl Harst weiter. „So – nun schauen Sie sich mal die Stelle an, Mr. Chester,“ sagte er zu dem Polizeidirektor, „wo der Koffer auf der Plattform des Wagens gestanden hat –“

Chester stieg auf den Wagen. Auch Mofler tat es. Sie hoben ein loses, viereckiges Stück des gelben Tuches, das den Wagen fast ganz verhüllte, hoch.

Mofler bückte sich, hob etwas empor, – ein loses, breites Brettstück der Plattform des Tafelwagens.

In demselben Moment krachte ein Schuß.

Chester und Mofler prallten zurück. Dann brüllte dieser: „Hier – hier ist ein Kasten unter der Plattform angebracht. Ein Mensch steckt darin. Es ist Allan Bangsey. Er hat sich erschossen –“

Harald ließ unter lautloser Stille nun den Koffersarg umdrehen. Es zeigte sich, daß der Boden des Koffers durch Scharniere in einen doppelten Klappdeckel sehr geschickt verwandelt worden war. – Als Allan Bangsey, der tatsächlich zuerst in dem Koffer sich befunden hatte, Harsts Eingreifen bemerkte, schlüpfte er in den Kasten unter die Plattform des Wagens. Dieser Kasten war durch das tief herabhängende gelbe Tuch völlig verdeckt worden.

Da Dhura Sing die Ausschmückung dieses Wagens übernommen hatte, war es ihm leicht gewesen, den Wagen dergestalt herzurichten. –

Als nun Allan Bangseys Leiche aus dem Kasten herausgeholt wurde, gab es noch eine neue Überraschung: in einem Beutel fand man neben ihm sämtliche Juwelen Frau Mollys, die Dhura Sing erst heute geraubt hatte, um damit in Gemeinschaft mit seinem Genossen Bangsey zu fliehen.

Dhura Sing legte ein umfassendes Geständnis ab. Der Gedanke, uns drei durch den Saft der Prawata-Fliege zu blenden (die eine nahe Verwandte der Spanischen Fliege ist, aus der das blasenziehende Sekret gewonnen wird), war in Bangseys teuflischem Hirn entstanden. Er kannte diese Wirkung des Fliegensaftes; er kannte aber nicht das Gegenmittel, nämlich den Saft des Dschinna-Pilzes, auf dem die Prawata sich besonders gern seines Aasgeruches wegen aufhält. – Auch den Mord an Scherita gab Dhura Sing zu. So stellte sich heraus, daß Haralds Kombinationen, was diesen Mord betraf, ebenfalls durchaus stimmten. –

Allan Bangsey hatte sich selbst gerichtet. Der Hausmeister wurde zum Tode verurteilt und gehängt.

Frau Molly hat sehr bald unseren Landsmann Leo Heller, den Plantagendirektor, geheiratet. Der Parse Schira Khan, der uns das Augenlicht wiedergegeben hatte, wurde von Erverlyn, Harald und mir so reich beschenkt, daß er in Bangalore ein Hotel kaufen konnte. Es geht ihm gut, und alle drei Monate trifft von ihm in der Blücherstraße in Schmargendorf-Berlin ein Brief ein, der stets beginnt: „Gruß Euch beiden, meinen Wohltätern!“ –

Wir blieben noch einige Tage in Bangalore in dem „Fuchsbau“, den Frau Molly übrigens sehr bald verkauft hat. Wir wollten dann mit Erverlyn nach Norden, nach einem besonders guten Tiger-Jagdrevier. Aber – es kam anders.

Oder genauer gesagt: es kam eine Frau zu Harald, warf sich ihm zu Füßen und flehte ihn an, ihren Mann zu retten, der schon am folgenden Tage wegen Mordes hingerichtet werden sollte. –

Ich schildere diesen Fall im nächsten Bande, in:

 

„Acht Stunden Frist.“

 

 

Verlagswerbung:

Der Goldschatz der Azoren

Die glänzende Erzählerkunst Walter Kabels, welcher doch nun schon seit Jahren tausende Leser an die Detektiv-Abenteuer unseres Harald Harst fesselt, schenkt uns in dem soeben erscheinenden großen Sensationsroman

Der Goldschatz der Azoren

ein neues Werk von so eigenartiger und packender Schönheit, daß auch dieser Roman zahlreiche Freunde finden und die Lesergemeinde der Kabelschen Arbeiten noch vergrößern wird.

Ein ganz eigenartiges Motiv hat sich der Autor für diese Arbeit gewählt: Die Macht des Goldes. Deutsche Männer und Frauen haben während des Krieges in unseren afrikanischen Kolonien einen großen Goldschatz gefunden, den sie dem Vaterlande schenken. Ein deutsches U-Boot nimmt das Gold an Bord, um es nach Deutschland zu schaffen. Im Atlantischen Ozean aber erleidet das U-Boot einen Maschinendefekt, es wird von einem englischen Kriegsschiff verfolgt und in der Nähe der Azoren-Inseln in den Grund gesenkt. Nur ein einziger der Besatzung, der Steuermann Hartwich, kann sich auf die Insel San Miguel retten, wo er drei Jahre lang als Robinson lebt. Als er dann nach Beendigung des Krieges in die Heimat zurückkehrt, findet er sein Vaterland am Boden liegend, das deutsche Volk unsäglich an den Folgen des Krieges leidend. Nun beschließt er den gewaltigen Goldschatz zu heben, um damit die Leiden seiner deutschen Volksgenossen zu lindern. Er trifft mit seinem Jugendfreunde Viktor v. Gaupenberg zusammen, der ein ganz neuartiges Luftschiff konstruiert hat, und mit Hilfe dieses Luftschiffes wollen die Freunde den Schatz bergen. Doch durch einen Zufall haben andere von dem Goldschatz erfahren, die nun mit allen Mitteln versuchen, für sich das Gold zu gewinnen. Und um diesen riesigen Goldschatz entbrennt nun einen Kampf, wie er gewaltiger und packender nicht geschildert werden kann.

Gratis und franko

erhält jeder Leser der Harst-Erzählungen das 1. Heft des „Goldschatz der Azoren“. Wir bitten um Einsendung der Adresse, worauf wir sofort vollständig kostenlos das erste Heft senden.

 

 

Anmerkungen:

  1. Hier wurde in den ersten Auflagen die zweite Geschichte als Hefttitel angegeben, in späteren Auflagen dagegen die Erste. Siehe dazu auch unter „Zusätzliche Informationen“.
  2. Alte Schreibweise für Delhi laut Meyers-Blitzlexikon von 1932.
  3. In der Vorlage steht: „mt“.
  4. In der Vorlage steht: „en“.
  5. Fehlende Anführungszeichen ergänzt.
  6. In der Vorlage steht: „Everlyn“.
  7. In der Vorlage steht: „Landsman“.
  8. In der Vorlage steht: „erzähte“.
  9. In der Vorlage steht: „in“.
  10. In der Vorlage steht: „hatte“.
  11. In der Vorlage steht: „Täfelnug“.
  12. In der Vorlage steht: „in“.
  13. In der Vorlage steht: „eiener“.
  14. In der Vorlage steht: „Moffler“.
  15. In der Vorlage steht: „Bangseys“.